Die Biskaya - ein Kreuz mit der See


Bevor wir den Hafen von Camariñas am frühen Morgen verliessen, hatten wir tags zuvor getankt. Gerade mal 400 Liter wechselten dieses Mal den Besitzer. Für all die Stunden, die wir den Motor seit Gibraltar in Anspruch genommen hatten, deutete das auf einen mässigen Durst des 6-Zylinders hin. Die genaue Analyse steht noch aus. Schon um 7 Uhr waren alle Tücher gehisst, die der WoC zur Verfügung stehen. Die Wettervorhersage war vielversprechend. Doch schon am Morgen kam uns der Wind mit 17 bis 19 kn und Spitzen von über 24 kn aus NO, also fast aus der Richtung, in die wir wollten, entgegen. Also entschlossen wir uns, in weiten Schlägen aufzukreuzen, um das ansonsten gute Wetter zu nutzen. Bis in den späten Vormittag klappte das wunderbar, auch wenn wir uns dem Ziel weniger direkt und schnell näherten als geplant.

Doch dann legte der Wind, der inzwischen auf NW gewechselt hatte, noch ein paar Zähne zu, und auch das vorher eher ruhige Wasser nahm die Energie des Windes zum Anlass, sich immer mehr aufzuschaukeln und uns zu beweisen, dass die Biskaya halt doch kein Segler-Paradies auf Erden ist. Für Suzanne, die gerade erst an Bord gekommen war, war das alles andere als eine gebührenden Einführung. Sie, für die Seekrankheit eher ein Fremdwort ist, hatte zu kämpfen. Doch auch Alan und ich hatten keine Freude an der Kreuzsee, die die 22 Tonnen schwere WoC fast wie einen Spielzeugball hin und her warf und das Kurshalten spürbar erschwerte. Da auch der Wind weiter zulegte, entschieden wir am Nachmittag, das Gross, später auch die Genua zu reffen. Die Schräglage des Schiffs wurde dadurch zwar nur wenig reduziert, doch als gefährlich stuften wir sie ohnehin nicht ein. Bislang hatte die WoC alle Warnungen selbsternannter Besserwissern, das Schiff sei kaum zu segeln und bei Starkwind und hohem Wellengang geradezu gefährlich, ins Reich der Märchen verwiesen. Allerdings hielten uns Wind und Wellen die ganze Nacht hindurch auf Trab, ab und an mit Kurs- und/oder Segelkorrekturen, dann musste der Diesel(doppel)filter, der sich zugesetzt hatte, umgestellt und der verstopfte Filter ausgetauscht werden. Dann meldete der Autopilot, dass der Saft für die Hydraulikpumpe ausginge... Der Windgenerator hatte aufgrund der Turbulenzen einen Notstop eingelegt, und der Motor, der die Batterien ansonsten über den Alternator lädt, lief wohl zu niedrigtourig, als dass er der Aufgabe hätte gerecht werden können. Hinzu kam, dass es bekanntlich kein Spaziergang ist, unter derart erschwerten Umständen in der Kombüse für Kaffee und/oder Verpflegung zu sorgen... Selbst das Ausruhen nach der dreistündigen Wache war nicht ganz einfach. Das Beste an all der Aufregung: Die Zeit ging relativ rasch vorbei, und bei Tageslicht sah alles schon mal etwas freundlicher aus. Ab Sonntag beruhigte sich der Wellengang sogar allmählich, und auch der Wind fiel erst auf 20 kn, am Montag dann bis auf 7 kn zurück. Initiiert wurde das Ganze durch einen Druckabfall von 1024 bis auf 1010 Hectopascal in wenigen Tagen, der vom Wetterbericht nur von der Tendenz her vorhergesagt worden war.

Am Montagnachmittag war dann alles vorbei. Wellen und Wind liessen uns jede Zeit zur Erholung und zur Beobachtung der Umgebung. Delphine versammelten sich wieder am Bug, als ob sie der WoC den Weg weisen wollten. Sogar Wale tauchten in etwas grösserer Entfernung auf und stiessen ihre Fontänen gen Himmel. Fünf Tage benötigten wir für die Überfahrt, sicher einen Tag länger als vorhergesehen, aber als wir am Abend des Mittwoch inmitten von Fischerbooten in Le Conquet an einer ausgelegten Boje festmachten, freuten wir uns alle auf ein leckeres Essen und eine ruhige und entspannte Nacht.

Diese Hoffnung fiel indessen - völlig überraschend - von Bord und damit ins Wasser. Denn gerade als wir uns am Tisch zum Essen versammeln wollten, mussten wir eine bisher unbekannte Reaktion unseres Schiffes zur Kenntnis nehmen. Die WoC hatte bei auslaufendem Wasser den Boden berührt und legte sich - eher rasch als langsam - vom Kiel auf die Steuerbordseite. Trockenfallen, daran hatten wir einfach nicht gedacht, weil zahlreiche Schiffe neben uns das gleiche Schicksal erlitten, die meisten aber kleiner waren als wir. Andere, das sahen wir jetzt, waren mit Holzpflöcken abgestützt, damit sie auch ohne Wasser in der Vertikalen stehen blieben. Für uns kamen solche Übungen zu spät. Wir schickten uns in die Lage, wobei es sich vor allem als schwierig herausstellte, eine entspannende und entspannte Position in der Koje zu finden. Dass wir dennoch fest schliefen und uns keine Sorgen und unser Boot machten, zeigt die Tatsache, dass wir morgens aufwachten und wie gewöhnt in unseren Betten lagen. Vom Aufrichten des Schiffs mit der Flut hatten wir alle nichts gemerkt. Die WoC hatte wieder jede Menge Wasser unter dem Kiel, so dass wir unseren Törn nach dem Frühstück ohne Verzögerung fortsetzen konnten.

Fast ohne Verzögerung. Alan hatte sich nämlich entschlossen - weshalb wir auch in Le Conquet einen Zwischenhalt eingelegt hatten - die WoC zu verlassen und nach Hause zu reisen. Seine Frau brauchte ihn. Für Suzanne und mich hiess das, von nun an die WoC zu zweit weiterzubringen. Das war zwar ohnehin der Plan für die Zukunft. Nun wurde es nach Le Conquet aber doch recht plötzlich ernst damit.


Hinweis

Die Beiträge in der Rubrik Prolog  sind gemäss Zeitverlauf sortiert. Der aktuelle Beitrag steht oben (vgl. das Datum).

Aktuelle Einträge
Archiv