Mit den Riesen auf Du und Du


Mit der Überquerung der Biskaya war der besinnliche Teil unseres Törns erst mal vorbei. Zwar lagen noch ein paar Häfen vor uns, doch die meisten luden nicht gerade zum Verweilen ein. La Hague bzw. Le Havre hatten wir uns als nächstes Ziel ausgewählt. Auf dem Weg dorthin bemerkten wir, dass die Schiffe um uns herum zunehmend grösser wurden. Doch wir mussten nicht nur auf unsere Umgebung und die dortigen Schiffe, deren Kurs und Geschwindigkeit achtgeben, wir selbst wurden offensichtlich aus der Luft und vom Wasser beobachtet. In Frankreich waren uns bereits mehrere Schiffe der Marine und Küstenwache aufgefallen, die die Küste sicherten, dabei aber jeweils auf Distanz blieben und uns nicht auf die Pelle rückten. Doch kurz vor der belgischen Grenze flog ein Helikopter gleich mehrmals über uns hinweg und nahm uns von oben ins Visier. Wenig später kam dann promt ein Schiff der französischen Küstenwache längsseits und befragte uns per Funk nach Nationalität, Herkunft und Ziel - und natürlich darüber, wie viele Personen an Bord seien. Es war uns klar, dass wir dem Geschehen auf dem Globus nicht per Schiff entfliehen können (was wir allerdings auch nicht wollen), und dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird.

Die Strecke Le Havre - Newport legten wir in 28 Stunden zurück. Das Wetter nahm erstmals einen Hauch dessen an, was wir in England erwarten würden, aber richtig regnen wollte es auch nicht. Doch im Vergleich zu den letzten Tagen und Wochen wurde es einfach kühler. Doch damit mussten wir rechnen, auch wenn es Ende Juli war.

Wirklich spannend wurde es, als wir die Ein- und Ausfuhrrouten nach Rotterdam und Amsterdam passieren mussten. Während wir uns Rotterdam von Süden her näherten, machten wir auf unserem AIS und bald auch mit Fernglas und blossem Auge immer mehr Ozeanriesen, meist Containerschiffe und Tanker aus, die in Meilenabständen längst neben uns oder quer zu uns lagen. Doch es dauerte einige Zeit, bis wir feststellten, dass die meisten davon wirklich vor Anker lagen, auf ihre Einfahrtgenehmigung warteten und sich nicht bewegten, selbst wenn das AIS eine Bewegung von 0.2 kn verkündete. Es lag vielleicht daran, dass wir uns am Samstagabend Rotterdam näherten und sich die Frequenz der ein- und ausfahrenden Pötte in Grenzen hielt. Dennoch nahmen wir mit der zuständigen Zentrale Funkkontakt auf, die uns dann Zeitpunkt und vor allem die genauen Koordinaten durchgab, wann und wo wir die mit Bojen ausgesteckte Einfahrt kreuzen sollten. Auch wenn das hilfreich war und die Nerven entlastete, die Erkenntnis, um wieviel schneller die Riesen der Weltmeere sogar in dieser kontrollierten Umgebung waren als wir selbst, hielt unsere Wachsamkeit während der ganzen Zeit auf hohem Niveau.

Die Dramatik stieg dann allerdings mit der Annäherung an Amsterdam. Denn die hiesige Ein-/Ausfahrtroute querten wir nachts. Auch hier lagen Duzende von Schiffen vor Anker, die wir passierten. Aber ebenso viele waren in alle Himmelsrichtungen unterwegs und mussten im Auge behalten werden. Verkompliziert wurde die Situation durch zwei Windparks nordwestlich der von uns gequerten Aus-/Einfahrtroute, deren Masten nachts rot blinkten und uns damit auf Abstand hielten. In unseren Karten (print und digital) waren diese Windparks nicht aufgeführt, was deshalb für etwas Aufregung sorgte. Wenn man sich die Pläne für noch zu bauende Windparks vor Augen führt, wird jedem Segler klar, dass er Regionen mit solchen Errungenschaften in Zukunft weitläufig umfahren sollte...


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