Der Kanal lässt grüssen


Mit der Einfahrt in den Kanal gewannen zwei Aspekte gehörig an Bedeutung: a) die Gezeiten und damit b) die Strömungen. Zwar hatten wir schon vorher mit Ebbe und Flut gerechnet, vor allem bei der Aus- und Einfahrt von Häfen, aber die Differenzen zwischen Wassertiefst- und -höchstständen hielten sich in Grenzen, zumal die ausgewählten Häfen unabhängig von der Tide anzulaufen waren. Mit Strömungen mussten wir uns bislang kaum beschäftigen. Das änderte sich mit der Annäherung an die englischen Kanalinseln jedoch erheblich. Hier wurden wir mit Strömungen konfrontiert, gegen die die WoC unter Segel und selbst unter Motor keine Chance hätte, sich dem Ziel zu nähern. Also war guter Rat teuer. Doch dieser Rat lag auf dem Tisch, in Gestalt der Seefahrer-Bibel "Reeds". In Karten, Grafiken und Tabellen werden darin die zu erwartenden Strömungswerte und Richtungen aufgeführt - jeweils in Abhängigkeit von der lokalen Tide. Nachdem wir - trotz Berechnung der besten Zeit - dann doch zwei Stunden gegen die Strömung gekämpft hatten, ohne eine Meile zu gewinnen, massen wir der Zeit- und Routenplanung anschliessend noch eine viel grössere Bedeutung bei. Wir - nein - Suzanne tat das und entwickelte sich zur Spezialistin für diese Fragen und sorgte so dafür, dass wir die Strömungen wenn immer möglich als Rückenwind nutzten, statt gegen sie anzukämpfen.

Roscoff war der erste Hafen, den wir nach Le Conquet anliefen. Wir blieben dort zwei Tage, nicht weil wir das Städtchen, das - wie später Cherbourg - von England aus mit der Fähre in kurzer Zeit erreicht werden kann, besonders sehenswert fanden, sondern weil wir uns mit einem neuen technischen Problem(chen) zu beschäftigen hatten. Ein Wasserhahn in der hinteren Toilette tropfte. Beim Versuch, dies zu unterbinden, zerfielen innere Keramikteilchen und liessen nur eine Option offen: raschmöglichst einen neuen Einsatz für den Wasserhahn zu erwerben. Doch am Ankunftstag, war es dafür zu spät. Am nächsten Tag hatten wir dann Glück. Der zufällig anwesende Kollege des Besitzers einer kleinen Nautic-Boutique sah das Teil und stellte fest, dass er die gleichen gerade zu Hause eingebaut habe. Er könne sie uns in der Stadt besorgen, aber erst nach Feierabend. Statt uns selbst auf die Suche zu machen, verliessen wir uns auf sein Angebot und warteten ab. Als Begleiterscheinung mussten wir allerdings die On-Bord-Wasserversorgung abgestellt lassen, weil die Wasserleitung nach achtern nicht separat unterbunden werden konnte... Also machten wir einen längeren Erkundungsgang und suchten den nächsten Supermarkt auf, um die Zeit zu nutzen. Am Abend konnten wir die erhofften Teile dann tatsächlich in Empfang nehmen und das Problem(chen) rasch beheben.

Von Roscoff ging's dann weiter bis Cherbourg. Um widrigen Strömungen auszuweichen, umfuhren wir die englischen Inseln, deren Besuch wir uns aus Zeitgründen abschminken mussten. Und doch erlebten wir hier unseren ersten nächtlichen Tidewechsel mit Nebel und starken Strömungen. Der Mond stand zwar am fast wolkenfreien Himmel und verlieh den Nebelschwaden ein fast romantisch-milchiges Aussehen. Doch der Hexenkessel, der beim Tidewechsel mit rasch wechselnden und quirligen Strömungen einsetzte, verlangte unsere volle Aufmerksamkeit. Die See kochte. Die Atmosphäre war einzigartig, fast ein wenig gespenstig. Doch sie beruhigte sich rasch. Später erlebten wir dann die Vorteil, den Strömungen anbieten, wenn man sie richtig nutzt. Die WoC lief zu einer Geschwindigkeit von über 10 kn über Grund auf und brachte uns rascher nach Cherbourg, als wir es ohne Strömung geschafft hätten.

In Cherbourg geschah beim Bergen des Besan am Anlegeplatz ein Missgeschick: Plötzlich rauschte das Fall in den Mast und ward nicht mehr gesehen. Der Sicherungsknoten am Fuss hatte sich gelöst und das Tau der Schwerkraft überlassen. Um das Malheur zu beheben, liess sich Suzanne am Mast hochziehen, um das Fall von oben so einzuführen, dass ich es auf Augenhöhe bei der Umlenkrolle wieder herausfischen konnte. Eine knifflige Arbeit, aber nach einer halben Stunde war alles wieder in Ordnung - und Suzanne um eine luftige Erfahrung reicher.


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