September 2017:

Estland - unsere Wahl für die erste Überwinterung 

Am letzten Augusttag kamen wir am Abend in Roomassaare, dem Kuressaare vorgelagerten Hafen an. Wir verliessen Kihnu, sobald es zu dämmern begann, das war um sechs Uhr. Zuerst verlief unser Törn angenehm mit Wind von Süden und einem raumen Kurs mit ruhiger See. Doch dann drehte der Wind überraschend auf Süd-West und erreichte auch noch Spitzengeschwindigkeiten von knapp 30 kn. Die drei bis vier Meter hohen Wellen erfassten unsere WoC mehrmals pro Minute von schräg vorne mit der Konsequenz, dass sie über alle Achsen wild schaukelte. Eine Kursanpassung hätte gutgetan, aber auch viel Zeit gekostet. Trotz allem fühlten wir uns auf unserem soliden Stahlboot sehr sicher. Im halbleeren Hafen Roomassaare angekommen, kam uns der Hafenmeister umgehend beim Festmachen zu Hilfe, begrüsste uns persönlich und hisste zur offiziellen Begrüssung gleich noch die deutsche Fahne. Anschliessend überreichte er uns diverse Prospekte über die Sehenswürdigkeiten der Insel, die wir schon am nächsten Tag zu erkunden begannen. Zuerst suchten wir den Hauptort Kuressaare mit seiner eindrücklichen riesengrossen Bischofsburg auf. Neben dem Kreuzgang, dem Festrefektorium, den Wohnräumen des Bischofs sowie dem Dormitorium fesselte uns in der Anlage vor allem eine Ausstellung über die Geschichte von Saaremaa. Wir erhielten interessante Informationen über die wechselnden Besetzungen der Insel, vor allem während und nach dem 2. Weltkrieg.

Saaremaa ist 2673 km2 gross, zu gross, um sie mit dem Fahrrad zu erkunden. So mieteten wir für zwei Tage ein Auto. Zu den Sehenswürdigkeiten, die wir bei regnerischem Wetter besuchten, gehört die 30 km lange Halbinsel Sorve, ein beeindruckender Meteoritenkrater mit einem Durchmesser von etwa 100 m, eine Reihe von Windmühlen sowie die Steilküste von Panga, die bis zu 27 m hoch ist. Hier wanderten wir zuerst durch den Wald oberhalb der Abbruchkante, zurück dann teilweise auf den Steinen des schmalen Küstenstreifens unterhalb der Steilwand bis wir an eine Stelle kamen, an der wir an einem von oben herabgelassenen, mit Knoten versehenen Seil den Weg zurück nach oben erklimmen konnten. Keiner von uns beiden wollte den Absturz testen. Zum Glück ging alles gut.

Saaremaa ist eine flache Insel. Die höchste Erhebung beträgt gerade mal 54 m. Doch diesen „Berg“ wollten wir uns als Alpenländler natürlich nicht entgehen lassen. Und tatsächlich, die Steigung wird auf einem Verkehrsschild mit 14 % angegeben – auch wenn sie sehr kurz ist. Die Strasse liegt in einem Naturschutzgebiet, offenbar nur selten befahren. So hat uns ein Vogel unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass dies sein Revier sei. Er sass mitten auf der Strasse und dachte nicht daran, seinen Platz zu räumen. Jörg musste das Auto anhalten, und Suzanne hat ihn mit gutem Zureden überreden können, das Feld zu räumen, was er mit lautem Gezeter, also Protest, quittierte.

 

 

 

Roomassaares neue Hafenanlage
Roomassaares neue Hafenanlage
Rathaus von Kuressaare
Rathaus von Kuressaare
Ehemaliger Kursaal von Kuressaare
Ehemaliger Kursaal von Kuressaare
Die Burg von Roomassaare ...
Die Burg von Roomassaare ...
... und ihre Burggallerie
... und ihre Burggallerie
Leuchtturm auf der Halbinsel Sorve
Leuchtturm auf der Halbinsel Sorve
Einzigartiger Meteoritenkrater
Einzigartiger Meteoritenkrater
Windmühlen als Energieproduzenten
Windmühlen als Energieproduzenten
"Zahnräder" aus Holz
"Zahnräder" aus Holz
Velowege und Bushaltestellen überall
Velowege und Bushaltestellen überall
Felskante - heute fernab vom Meer
Felskante - heute fernab vom Meer
Romantische Weide ...
Romantische Weide ...
Paradies für Vögel ...
Paradies für Vögel ...
.. und Kleinhafen im Süden von Muhu
.. und Kleinhafen im Süden von Muhu
Im Halbstundentakt aufs Festland
Im Halbstundentakt aufs Festland
WoC, einziges Gastschiff in Haapsalu
WoC, einziges Gastschiff in Haapsalu
Hafen von Haapsalu bei Windstille
Hafen von Haapsalu bei Windstille
Fischereihafen am Abend
Fischereihafen am Abend
Bischofsburg mit Kirche
Bischofsburg mit Kirche
Kursaal
Kursaal
Teil der Strandpromenade ...
Teil der Strandpromenade ...
... mit Tschaikowski-Bank
... mit Tschaikowski-Bank
Ehem. Bahnhofsgebäude ...
Ehem. Bahnhofsgebäude ...
... prunkvollem Unterstand
... prunkvollem Unterstand
Der Hafen von Kärdla auf Hiiuma
Der Hafen von Kärdla auf Hiiuma
Leuchtturm im Norden der Insel ...
Leuchtturm im Norden der Insel ...
... mit Blick von oben
... mit Blick von oben
L-turm auf dem höchsten Punkt (68 m)
L-turm auf dem höchsten Punkt (68 m)
Landzunge im Süden von Hiiuma
Landzunge im Süden von Hiiuma
Naturschutzgebiet und Vogelparadies
Naturschutzgebiet und Vogelparadies
Schwalben sammeln sich zum Abflug
Schwalben sammeln sich zum Abflug
Vor dem Abflug gen Süden
Vor dem Abflug gen Süden
"Head aega" im Juni 2018
"Head aega" im Juni 2018

Unsere drittletzte Station vor der Winterpause war Kuivastu auf Muhu, der Nachbarinsel von Saaremaa. Diese ist wieder so klein, dass Fahrräder genügten, um nach Norden an die Steilküste von Üügu zu fahren. Diese Steilwände sind ziemlich verwittert, dadurch nicht mehr so hoch wie ursprünglich und inzwischen einige Meter vom Wasser entfernt. Vom Norden der Insel fuhren wir auf einer guten, aber nur wenig befahrenen Landstrasse wieder gegen Süden. Wie auf Saaremaa herrschen auch auf Muhu Kiefer-/Birkenwälder unterbrochen von Wiesen und Feldern vor. Immer wieder fuhren wir an grossen Stapeln von Baumstämmen vorbei. Diese stammten von abgeholzten Waldstücken, auf denen jeweils wenige Bäume stehen gelassen werden, damit wieder Jungbäume nachwachsen - so unsere Beobachtung. An den (im Landesinnern oft unbefestigten) Strassen stapelten sich die Baumstämme – in unserem Sprachgebrauch „wie Streichhölzer“, die ständig mit modernen Maschinen auf Lastwagen geladen und von diesen in die Häfen zum Verladen auf Schiffe transportiert werden. Der Hafenmeister von Roomassaare erzählte uns, dass sie vor allem nach Finnland, Schweden und Deutschland zur Weiterverarbeitung verschifft werden. Nur ein Teil der möglichen Wertschöpfung findet derzeit also im eigenen Land statt, wo man immer wieder auf Berge mit Holzspänen oder auch Mulch trifft.

Von Kuivastu nach Haapsalu hatten wir einen ruhigen Törn. Am Zielort sind uns vor allem die bunt gestrichenen Holzhäuser im Zentrum aufgefallen. Auch hier stand früher eine Bischofsburg, heute sind nur noch Ruinen derselben vorhanden, allein die Kirche ist noch relativ gut erhalten. Anfangs des 19. Jahrhunderts wurde in Haapsalu sodann das erste Heilschlammbad eröffnet. Noble Gäste wie die Zarenfamilie und Peter Tschaikowski kamen zur Kur. Auf Betreiben von Zar Nikolaus II. wurde 1905 die Eisenbahnlinie von Tallinn nach Haapsalu gebaut, ein Zaren-gerechter Bahnhof gehörte natürlich dazu. Der Kurssaal, ein reich verziertes Holzgebäude an der Strandpromenade, war das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens.

Kurz vor Mitte September haben wir den nördlichsten Punkt unserer diesjährigen Reise erreicht: Kärdla, die mit gut 3000 Einwohnern einzige Stadt und zugleich Hauptstadt der zweitgrössten estnischen Insel Hiiumaa. Hier wird unsere WoC überwintern. Während wir noch ein paar Tage im Hafen liegen und die vielen Eindrücke der vergangenen Wochen und Monate verarbeiten und ausklingen lassen, erleben wir etwas Einzigartiges, das uns schon in Haapsalu gefesselt hatte, das wir hier aber aus direkter Nähe in ergreifender Atmosphäre erleben durften: Hunderte von Schwalben flogen nach Sonnenaufgang aufgeregt um unser und die benachbarten Schiffe, setzten sich auf Geländer, alle vertikalen oder abfallenden bzw. steigenden Taue, ja sogar auf den Boden der Schiffe und veranstalteten ein aufgeregtes Gezwitscher, offensichtlich um sich auf den Flug gen Süden einzustimmen. Das Spektakel dauerte etwa bis 9 Uhr, dann erhoben sich die Vögel plötzlich wie auf ein Zeichen in die Luft und verschwanden nach kurzer Zeit am Horizont. Danach war es still – zumindest bis zum nächsten Morgen, weil sich das Schauspiel dann – mit neuer Besetzung – wiederholte.

Mit dem Abschied der Schwalben schlossen wir unseren Törn – sozusagen im Zeichen dieser Vögel: Noch bevor wir das Schiff als Lebensmittelpunkt in Beschlag nahmen, hatten wir Berührung mit einem solchen Vogel, einer Mehlschwalbe. Sie hatte sich im Hotel in Laboe in den Frühstücksraum verirrt und war beim Versuch, den Ausgang zu finden, in eine Fensterscheibe geprallt und benommen auf dem Sims liegen geblieben. Bevor ein mit Besen und Eimer bewehrter Kellner herbeieilte, um das Tier nach draussen zu bringen, eilte Jörg zum wie tot daliegenden Vogel, barg ihn in seine Hände und ging mit ihm zur Tür. Draussen musste er nur die Hände aufmachen, und der Vogel erhob sich aus eigener Kraft in die Lüfte. Der Crash mit der Scheibe hatte ihm offensichtlich keine bleibenden Schäden vermacht.

Es war anfangs August, als wir mit der WoC fünf Tage im Hafen von Ventspils verbrachten. Unter der Holzmole, an der die WoC lag, hatten Schwalben ihre Nester geklebt und führten uns ihren Nachwuchs immer wieder zur Begutachtung vor. Vor allem ihre Fütterung sowie die ersten Flugversuche hielten uns in Spannung: Da sassen die Kleinen keinen Meter über dem Wasserspiegel auf einem Holzbrett und liessen sich von den Alten mit Insekten bedienen und – so unsere Interpretation – zum Abheben ermunterten. Wir hätten wohl nie die Geduld aufgebracht wie die Schwalbeneltern. Aber das sollte sich auszahlen. Wir haben jedenfalls kein einziges Schwalbenkind im Wasser treiben sehen, weil es sich bei seinen ersten Flugversuchen überschätzt haben könnte...

Unser Törn hat mit einer Schwalbe begonnen und mit Schwalbenschwärmen geendet. Wenn die Vögel im nächsten Jahr wieder im Norden auftauchen, dann ist auch mit unserer Anwesenheit zu rechnen. Ende Mai 2018 startet die Ostsee-Rundfahrt zu ihrem zweiten Teil: über Finnland, Schweden und Dänemark zurück nach Laboe.

Wer Lust hat, kann sich dann gern hier wieder einloggen. Die Website wird wieder über das Neuste informieren. Herzlichen Dank all denen, die ab und zu hier reingeschaut und uns geschrieben haben.

Suzanne & Jörg