Oktober - November 2020

Jetzt wissen wir, was entschleunigen heisst

Die Zeit, die wir in Curaçao verbrachten, lässt sich mit den Wochen in Laboe vergleichen. Unsere WoC lag in der Werft und wurde technisch versorgt, wir wohnten in Fussgänger-Entfernung in gemieteten Wohnungen und sahen uns in der näheren und weiteren Umgebung um, sofern wir nicht beim Schiff gebraucht wurden, was immer wieder mal vorkam. In Willemstad hatten wir keinen Leihwagen zur Verfügung, aber Sammeltaxis machten Ausflüge zu einem günstigen Vergnügen. In Pietermaai, dem Quartier, in dem unsere beiden Räumlichkeiten lagen, wohnten wir nur wenige Minuten vom Busbahnhof entfernt. Von der Werft aus, als wir bereits auf dem Schiff wohnten, hatten wir rund 20 Minuten zu laufen, bis wir bei den Taxen waren. Manchmal kamen sie einem aber auch entgegen und hielten irgendwo an, wenn sie einen mitnehmen konnten.

Es war anfangs November, bis wir alle bestellten Ersatzteile erhalten hatten, die WoC reisefertig war und wir nach Bonaire aufbrechen konnten. Vorher mussten wir jedoch noch einen Coronatest über uns ergehen lassen, damit wir uns nach der Ankunft nicht einer zweiwöchigen Quarantäne – wenn auch auf dem eigenen Schiff – unterziehen mussten. Wieder wurden wir negativ getestet.

Die WoC (Bildmitte) in der Marina in Willemstad
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Auf dem Weg nach Pietermaai begegneten wir ihm mehrmals
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Die besten Früchte gab's am Strassenmarkt
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Im Coffeeshop holten wir leckeres Brot
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Über 2 m hohe Vögel ziehen die Blicke auf sich
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Dazwischen das Porträt der mexikanischen Malerin Frieda Kahlo
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Wandmalerei muss nicht zweidimensional sein...
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... es gibt sie auch in drei Dimensionen ...
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... wie auch die farbenfrohen Papageien zeigen.
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Bonaire ist eine kleine Insel mit ca. 20'000 Einwohnern, die zum Königreich von Holland gehört. Die Nacht-Überfahrt dorthin war zwar wieder mal richtig ruppig, weil wir uns gegen Wind und Wellen vorankämpfen mussten. Doch wir meisterten auch diese Herausforderung. Zwei Tage lagen wir anschliessend in der kleinen Marina von Kralendijk, der Hauptstadt der Insel, bis wir eine freie Boje vor dem Ort ergattern konnten. Die Inselbewohner tragen Sorge zur Natur (ganz anders, als wir es in Curaçao erlebt hatten). Sie haben zum Beispiel die ganze Insel als Naturschutzpark ausgewiesen. Ankern ist deshalb verboten, und durch die Zahl der installierten Bojen ist die Zahl der Schiffe im Bojenfeld begrenzt. Zum Schnorcheln und Tauchen braucht es eine Lizenz.

Unser Leben an Bord ist eher gemütlich. Wir schwimmen viel und lernen, mit Tauchermaske, Flossen und Schnorchel bewehrt, die Unterwasser-Umgebung mitsamt Fauna und Flora kennen. Zu anderen schweizerischen und deutschen Bootsbewohnern hatten wir rasch einen freundschaftlichen Kontakt geknüpft. So teilten sich fünf Paare – uns eingeschlossen – ein Mietauto, was uns die Möglichkeit eröffnete, auch entlegenere Regionen der Insel kennenzulernen. Im Süden ist sie flach, hier wird seit der Sklavenzeit noch immer Salz gewonnen. Im Norden wachsen auf den Hügeln grüne Wälder durchsetzt von riesigen Kakteen, Cadushi genannt. Dort wo es Brack- oder Salzseen gibt, suchen sich Flamingos ihre Nahrung. Immer wieder begegnet man wilden Eseln. Wenn es bei Spaziergängen nebenan raschelt, sucht sicher eine kleine Echse das Weite. Von denen gibt es, je nach Grösse, unzählige.

Bei der Führung in der einzigen Schnapsbrennerei der Insel, die im ehemaligen Hauptort Rincon liegt, haben wir selbstverständlich Rum, aber auch Kaktus- und Liköre von Früchten probiert, die auf der Insel wachsen. Dass wir unseren Vorrat an Bord danach aufgestockt haben, versteht sich von selbst.

Das Jahr 2020 wird in der Karibik nicht nur als Jahr zahlreicher Stürme und Hurrikane in Erinnerung bleiben, in Bonaire hat es – so die Einheimischen im Gespräch – so heftig und oft geregnet, wie schon lange nicht mehr. Auch wir durften das miterleben. Zu diesen Erlebnissen zählten vor allem zwei Nächte, in denen wir bzw. unsere WoC und wir an Bord mit sog. Reversals zu kämpfen hatten. Reversals sind Wellen, die von der 50 m entfernten Kaimauer zurückgeworfen werden, die der Sturm aus südlicher Richtung in die Bucht und auf die Mauer drückt. Alle Schiffe zerrten bei der Gelegenheit 180° zur üblichen Nort-Ost-Richtung an ihren Festmachertauen und Bojen. Wind und Wellen waren so heftig, dass an Schlafen nicht zu denken war, vor allem die Nähe zum Ufer und der Wind, der die Schiffe in dessen Richtung drückte, verlangten die volle Aufmerksamkeit. Aus Sicherheitsgründen liessen wir den Motor der WoC im Standgas laufen, um im Fall der Fälle rasch das Weite zu suchen. Dass es nicht soweit kam, war Glück. Immerhin hatte die WoC eines der zwei Taue, mit dem sie an den Betonklötzen am Boden via Boje vertaut war, durchgerissen. Aber da war der Höhepunkt des Sturms schon vorbei. Es wurde am nächsten Morgen, als es wieder beruhigend still war, von einem Mitarbeiter der Marina gegen ein neues getauscht. Als sich wenige Tage später erneut eine solche Wetterlage einstellte, hatten wir das erste Erlebnis bereits verdaut und getrauten uns, das Schaukeln und den Lärm im Bett zu verschlafen. Zwei – neue – Taue hielten uns zuverlässig an Ort und Stelle…

Auch wenn das Leben auf der Insel sehr erholsam ist, irgendwie lässt uns die Suche nach dem Unbekannten nicht los. Ursprünglich wollten wir anfangs Dezember zur Dominikanischen Republik weiterreisen. Doch da müssen wir uns nun noch einen Monat lang beherrschen. Der Grund ist dieses Mal nicht Corona, nein, eine von unseren beiden grossen Verbraucherbatterien (12 V/180 Ah/55 kg) hat viel zu früh den Geist aufgegeben. Nun müssen wir rund sechs Wochen warten, bis zwei neue Batterien ihren Weg von Europa (über die USA) nach Bonaire und bei uns an Bord eine neue Aufgabe gefunden haben.

Wie ihr erfahren habt, rechnen wir hier nicht (mehr) mit Stunden und Tagen, Wochen und Monate bilden die Realität besser ab. Schon immer wussten wir, dass Segeln beim Entschleunigen hilft. In welchem Umfang das zutrifft, das mussten wir erst noch lernen. Anfangs Februar erfahrt ihr, wie uns die Dominikanische Republik gefällt und wie unsere Reise weitergeht.