Oktober 2019 

Auf den europäischen Vulkaninseln im Atlantik

Eigentlich hatten wir Porto Santo als erstes Oktober-Ziel geplant, doch dann entschlossen wir uns, in der Quinta da Lorde Marina am Ostende der Hauptinsel von Madeira Halt zu machen. Das hatte seine guten Gründe... Aber alles schön der Reihe nach. Gerade waren wir schliesslich noch im Mittelmeer bzw. am Ein- bzw. Ausgang desselben. Dank der Tiden-Strömung in Richtung Atlantik sausten wir von dort durch die Strasse von Gibraltar und erzielten dabei Geschwindigkeiten (über Grund), von denen wir sonst nur träumen... Nun hielt die Strömung noch weit in den Atlantik hinaus an, doch leider kehrte sie sich mit der Zeit gegen uns, so dass wir bei 10 kn raumem Wind den Motor mit allen Segeln unterstützen mussten, um überhaupt voranzukommen. Weit draussen im Meer vor der Küste von Marokko, es war schon dunkel, tauchten plötzlich Fischerboote vor uns auf. Sie hatten ihre Netze an langen Leinen mit Schwimmern ausgelegt und sie an den Enden mit roten, dazwischen mit kleinen grünen Lichtern markiert. Damit wir nicht in die trotzdem nur schlecht wahrzunehmenden Netze fuhren, stoppten sie uns mit und von ihren Booten aus mit lautem Geschrei. Bis wir ihr Ansinnen realisiert hatten, dauerte es eine Weile, zumal sie kaum französisch und schon gar kein Englisch sprachen. Aber mit Händen und Füssen ging's auch. Sie jubelten, als wir ihr Ansinnen kapiert und die Netze weit umfahren hatten. Und wir konnten unsere Fahrt - vorerst - ohne weitere Aufregung fortsetzten. Doch das nächste Übel liess nicht lange auf sich warten. Denn am nächsten Tag sorgten chaotische giftige Wellen dafür, dass wir beide so richtig seekrank und geradezu lethargisch wurden. Das war das erste Mal, dass auch der Skipper an die Reling schlich, um die Fische zu füttern. Das Unwetter hielt zwei Nächte und Tage an - eine lange Zeit. Doch die dann folgenden Tage waren wieder wunderbar, ausser dass wir zusätzlich zu den Segeln den Motor aktivieren mussten, weil wir sonst mit 3 - 4 kn Geschwindigkeit zu langsam gewesen wären. Wir machten das Beste daraus und genossen die Zeit mit Lesen und liessen uns über die hohen und langgezogenen Atlantikwellen schaukeln. Als auch noch Delphine auftauchten und uns begleiteten und zu Luftsprüngen ansetzten, war die Welt für uns wieder in Ordnung. Doch - wie eingangs erwähnt - statt Porto Santo liefen wir die kleine Marina Quinta da Lorde an, wo wir ein paar sehr schöne Tage verbrachten. 

Wenn wir schon nach Madeira segeln, dann wollen wir die Insel auch kennenlernen. Deshalb mieteten wir für eine Woche ein Auto, um von Suzanne mit viel Engagement ausgesuchte und vorbereitete Ziele anzusteuern. Allerdings nutzten wir auch die Zeit, um die lecke Kühlwasserpumpe des Motors reparieren zu lassen. Sie war per DHL eingetroffen. Zudem warteten auf den Ersatz einer vermeintlich defekten Pumpe für eins unserer WCs. Sie versagte plötzlich ihren so wichtigen Dienst. Doch unser erster Besuch galt der Hauptstadt Funchal mit seinen Parks, Herrschaftshäusern, Fussgängerzonen, Plätzen und einem Markt, auf dem verschiedenste tropische Früchte verführerisch ausgelegt und zum Kauf angeboten wurden. 

Madeira hat hohe, steil aufsteigende bzw. abfallende Küsten, die von zahlreichen Tälern unterbrochen werden. Im Inselinnern dasselbe: steile Berge, die von tiefen Tälern voneinander abgegrenzt werden. Enge, aber durchwegs asphaltierte Strassen erschlossen jeden Winkel. Wir fassten uns ein Herz und fuhren einige dieser steilen Wege hinauf – natürlich auch wieder runter; manchmal waren sie so steil, dass wir das Gefühl hatten, die Vorderräder würden abheben und das Auto beim Beschleunigen übers Dach nach hinten kippen. Die nicht bebauten Berghänge sind bewaldet oder auf künstlich angelegten Terrassen vor allem mit Bananenstauden oder Zuckerrohr bepflanzt. Das Land ist stark zersiedelt, denn die Leute wohnen fast ausschliesslich in ihren eigenen (kleinen) Häusern und kaum in Blocks. Touristensiedlungen mit Hotelkomplex(en), wie man sie von Spanien kennt, haben wir nur eine am Stadtrand von Funchal gesehen. Dafür mehr hübsche Fischerdörfer mit engen Gassen, die nur für Fussgänger bestimmt waren. Ansonsten wanderten wir entlang von Levadas (das sind offene Wasserleitungen, die früher angelegt wurden, um Wasser vom Innern der Insel zu den peripheren Feldern zu bringen), durch Lorbeer- oder Urwälder sowie an den Ostzipfel der Insel. Dort bestiegen wir den Pico de Ruivo, den mit einer Höhe von 1861 m höchsten Berg der Insel. Wir besuchten ein Höhle, die aus miteinander künstlich verbundenen Vulkanröhren besteht, welche durch bei Eruptionen durch Gaseinschlüsse entstanden, und bestaunten in einem privat angelegten Park eine Vielfalt von mehr oder weniger bekannten Pflanzen, zB. Kamelien, Rosen, Dahlien. Wir hätten noch lange auf Madeira bleiben können, weil es eine vielfältige und touristisch nicht verdorbene Insel ist. Doch da unser Plan vorsieht, im Dezember den Atlantik zu überqueren, galt es, noch weitere Inseln und Marinas anzufahren. Die erste war Lanzarote. 

Die 3-tägige Überfahrt dorthin war richtig angenehm. Wir hatten genügend Zeit und Wind, um lange Zeit nur zu segeln und den Motor ruhen zu lassen (eigentlich sollte das immer so sein...). 

 

Die erste Vulkaninsel der Kanarischen Inseln, die wir besuchten – eben Lanzarote – ist von Werken und vom politischen Einfluss César Manrique geprägt. Wir besuchten einige dieser Meisterwerke: einen Kaktus-Garten, in dem über 1400 verschieden Arten der (meist) stacheligen Gewächse bestaunt werden können, das Aussichtslokal Mirador del Rio oberhalb des Kliffs im Nordosten der Insel mit Blick auf die vorgelagerte Insel La Graciosa, das Monumento al Campesino, das im geographischen Zentrum von Lanzarote steht und den Bauern und Fischern gewidmet ist, und Lagomar, eins mit viel Phantasie und ohne rechte Winkel ins Gestein gebautes Wohnhaus, das sich über mehrere Stockwerke mit verschlungenen Treppen und Durchgängen erstreckte. Es soll einmal – das sagt die Legende – für kurze Zeit Omar Sharif gehört haben soll. Deshalb wird es im Volksmund auch nach ihm benannt.

Wir besuchten die alte Hauptstadt Teguise mit ihren weiss getünchten Bürgerpalästen, lernten bei einer geführten Bustour die Feuerberge im Nationalpark Timanfaya kennen und kauften (nach einer kurzen Probe) bei einem Weingut ein paar Flaschen Vulkanwein. Reben wachsen auf Lanzarote nicht wie in der Schweiz in Reihen an Hängen, sondern u.a in Löchern, wo der Boden mit Steinmauern gegen Erosion geschützt wird. Vor allem der Rotwein, den wir gekauft haben, hat einen ausgeprägten mineralischen Geschmack. Wir wissen jetzt, wieso. 

Am letzten Tag vor unserer Weiterfahrt wurde endlich unsere Pumpe fürs WC angeliefert. Sogleich montierte sie Jörg – doch welche Enttäuschung: weder die Meerwasser noch die neue Abwasserpumpe funktionierte. Wir versuchten herauszufinden, was das Problem sein könnte, denn wir waren überzeugt, dass etwas an der Stromversorgung faul sein musste. Doch im Schiff wimmelt es von Kabeln, Sicherungen etc. Wir sahen ein, dass hier nur ein Fachmann mit entsprechendem Equipment weiterhelfen konnte. Doch das hiess einmal mehr warten. In Santa Cruz, auf Teneriffa, sollten wir so jemanden finden.

Von Arrecife/Lanzarote, wo wir mehrere Tage mit der WoC lagen, segelten wir bei raumen Winden von 15-25 kn nach Puerto del Rosario auf Fuerteventura. Dies war wieder einmal wunderschönes Segeln. Leider brach der Wind zum Ende hin ein, und wir mussten ein letztes Wegstück noch mit Motor zurücklegen. Doch bevor wir unseren Ankerplatz erreichten, nahm der Wind in kürzester Zeit von 0 auf 35 kn, d.h. Bf 8, Sturmstärke, zu. Da hatten wir den richtigen Riecher, d.h. wir waren sehr froh, dass wir die Segel rechtzeitig geborgen und verpackt hatten. So konnten wir den Sturm über uns hinwegziehen lassen. Und wie der Sturm aufkam, so verschwand er wieder. Und wir genossen mal wieder eine ruhige Nacht vor Anker. 

Am nächsten Tag erreichten wir Gran Tarajal, eine Stadt, die typisch für die Insel ist. Die meisten Touristen sind in Feriensiedlungen untergebracht, sie wollen baden oder surfen. Vom Schiff aus hatten wir solche riesengrosse Feriensiedlungen auch schon gesehen: Anhäufungen von gewaltigen Hotelanlagen. Doch sie lockten uns nicht. Am nächsten Tag segelten wir weiter Richtung Teneriffa. Dabei konnten wir während etwa drei Stunden unseren Parasailor mit der verbesserten Leinenführung ausprobieren. Jörg war erleichtert. Leider wehte der Wind nur für diese Zeit, so dass wir mit dem Motor bei Las Palmas, Gran Canaria vorbeifuhren, wo es auch während der Nachtzeit hiess, gut aufzupassen, um sich nicht mit Tankschiffen, Frachtkähnen, Fähren und Schnellbooten anzulegen. Am Morgen erreichten wir dann wohlbehalten Santa Cruz, Teneriffa. Was wir dort erlebt haben, teilen wir euch im nächsten bzw. übernächsten Monat mit. Wir sind zum Monatswechsel mitten auf dem Atlantik. 

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