Monatsrückblicke 2019: November - Dezember 

Auf zum Sprung über den Atlantik

Santa Cruz ist eine Grossstadt mit herrlichen Herrenhäusern, Parks, einer eindrücklichen Markthalle, dem von Calatrava entworfenen Auditorio, der Plaza de Espana mit kleinem Salzwassersee, die von Herzog & de Meuron gestaltet wurde, und selbstverständlich Kirchen. Wir sind kreuz und quer durch die Stadt gelaufen und haben zahlreiche Sehenswürdigkeiten aufgesucht. Mit einem Leihwagen fuhren wir zudem zur früheren Hauptstadt La Laguna und schlenderten durch die grosszügige Fussgängerzone mit ihren Adelspalästen und einem Kloster. Auf einer Wanderung durch Lorbeerwälder im Anaga-Gebirge erreichten wir den Aussichtspunkt Llano de los Loros, von dem aus man einen atemberaubenden Blick auf die Südostküste hat. Von der Krete des Gebirges fuhren wir später steil gegen Norden zum Roque de las Bodegas, der im Norden der Insel liegt, herunter. Auf einer zweiten Tour zum Norden und Westen der Insel lernten wir im Norden das Landstädtchen La Orotava mit seiner prächtigen Villa aus dem 17. Jh., Casa de los Balcones genannt, kennen und in Icod de los Vinos den Drachenbaum Drago Milenario, der der älteste seiner Art sein soll. Weiter fuhren wir auf einer schmalen Strasse über den felsigen Westen nach Masca und Santiago del Teide, wo wir den höchsten Berg Spaniens, den Pico del Teide, zum ersten Mal in seiner vollen Grösse bewundern konnten. Zurück nach Santa Cruz ging's an der Feriensiedlung Los Gigantes und Puerto de Santiago vorbei, wo sich ein Hotel neben das andere reiht. Auf einer dritten Tour fuhren wir am Fuss des Pico del Teide vorbei und wanderten in der Mondlandschaft-ähnlichen Gegend zur Caldera, die einem Amphitheater gleicht. Selbstverständlich nahmen wir uns Zeit und organisierten einen Elektriker, der unsere Toilette wieder zum Laufen brachte. Das Problem war ein einfaches, die elektrischen Steckverbindungen waren unter dem Boden nass geworden une korrodiert.

Nach einer weiteren Nachtfahrt erreichten wir Puerto Tazacorte auf La Palma. Wir nahmen uns Zeit, die Insel wieder mit einem Leihwagen zu erkunden, aber auch um die letzten Vorbereitungen für unsere Atlantiküberquerung zu treffen. Wir nahmen uns Zeit, die Hauptstadt der Insel, Santa Cruz de la Palma, mit ihren Häusern im spanischen Kolonialstil und im Süden der Insel Vulkane und eine Saline zu besichtigen. Der Vulkan Teneguia war letztmals 1971 drei Wochen lang aktiv. Diese kurze Zeit ist der Grund, dass auf der schwarzen Lava noch fast keine Pflanzen wachsen. Hoch über dem Meer fuhren wir an der Westküste nach Las Manchas. Dort suchten – und fanden – wir die vom einheimischen Künstler Luis Morera mit wunderschönen Mosaiken gestaltete Plaza La Glorieta. Im Nordwesten der Insel besuchten wir den Bauernmarkt in Puntagorda und nahmen eine längere Wanderung zu einer Windmühle, in der das Museo del Gofio über das gleichlautende Grundnahrungsmittel der Kanaren informiert, unter die Füsse, wobei wir an mehreren Drachenbäumen vorbeikamen, um schliesslich zu den Guanchenhöhlen von Buracas zu gelangen. Eine schmale und sehr steile Strasse führte uns zur Aussichtsplattform Roque de los Muchachos (2426 m). Das ist der höchste Gipfel von La Palma. Es weht ein sehr starker Wind dort oben, der die Wolken von Osten über die Bergkanten nach Westen bläst. Die Aussicht war sehr eindrücklich, weil die Felswände, die einen Kraterkessel bilden, etwa 1600 m steil in die Tiefe fallen. Vor der Aussichtsplattform liegen verstreut die Teleskope des Observatorio Astrofisico. Auf der Westseite der Insel hatten wir herrlichen Sonnenschein, und als wir auf die Ostseite kamen, regnete es. In La Palma stiess Klaus zu uns, den wir über die Plattform „Hand gegen Koje“ kennen lernten und der uns auf der Überfahrt nach Sal, Kapverdische Inseln, unterstützte.

Die Überfahrt dauerte sechs Tage, und wir konnten alle Segel, sogar den Parasailor einsetzen.

 

In Palmeira auf Sal lagen wir vor Anker. Die kreolisch geprägte Kultur der Inselbewohner war etwas ganz Neues für uns. Als wir an Land gingen, hatten wir sogleich einen „Reiseführer“, der uns das Immigrationsbüro und verschiedene andere Geschäfte zeigte, die wir aufsuchen wollten. Auf einer Rundreise mit einem Offroad-Taxi lernten wir die karge, steinige Insel kennen, eine Saline, bei der das Meerwasser von unten einsickert, die Touristenstadt Santa Maria und am Meer die Lavaformation Buracona. In Sal verliess uns Klaus und Jürgen, den wir ebenfalls über besagte Plattform kennengelernt hatten, sowie Rolf, Jörgs Schwager, stiessen zu uns, um mit uns den Atlantik zu überqueren.

 

Zu viert segelten wir über Nacht nach Mindelo, Sao Vicente. Hier wollten wir den defekten Generator reparieren lassen sowie den ebenfalls defekten Geschwindigkeitsmesser unserer neuen Raymarine-Ausrüstung. Beides gelang den Experten nicht, u.a. weil wir zehn Tage auf einen Ersatz für das elektronische Gerät hätten warten müssen. Da wir die Geschwindigkeit auch via GPS messen können, war dies jedoch nicht entscheidend. In Mindelo verliess uns Jürgen wieder, weil er Zweifel hatte, dass wir mit unserer Wind of Change über den Atlantik segeln könnten. Rolf blieb an Bord, für sein Vertrauen haben wir uns bedankt.

Also brachen wir zu dritt am Samstag, den 7. Dezember, zu unserer grossen Reise auf. Schon der Anfang gestaltete sich ausgesprochen ruppig. Wir hatten es mit Winden um die 30 kn und mit entsprechenden Wellen zu tun. Immerhin eine gute Gelegenheit, unsere neue Sturmfock zum ersten Mal zu hissen. Mit ihr und dem Besan kämpften wir uns mit etwa 6 kn gen Westen. Die Fahrt gestaltete sich alles in allem sehr anstrengend. Der Passatwind, der um diese Jahreszeit mit 10-15 kn wehen sollte, herrschte kaum vor, er war durchwegs stärker. Auch die Atlantikwellen kamen nicht wie vor 7 Jahren, als wir mit einer 8-er Gruppe den Atlantik überquerten, gross und langgezogen aus einer Richtung, aus Osten, sondern wurden von relativ kleinen, aber energiereichen Wellen aus drei Richtungen überlagert. So konnten wir den Parasailor, ein Leichtwindsegel, das wir extra für die Überfahrt eingeplant hatten, nur zweimal kurz für zwei Tage setzen, und dies bei Winden, die fast zu stark für ihn waren. So konnte es geschehen, dass er an einer Stelle ein wenig riss. Er ist inzwischen in „Behandlung“. Da wir ohne Parasailor, d.h. mit Sturm- oder Rollfock und Besan, nicht vor dem Wind segeln konnten, sondern raumen Kurs segeln mussten, blieb uns nichts anderes übrig, als mehrfach aufzukreuzen. Das machte unseren Weg auch noch erheblich länger. Um mit der elektrischen Energie hauszuhalten, wechselten wir uns tagsüber stündlich beim Handsteuern ab, während der Nacht hatten wir indessen Wachen von 4 Stunden vorgesehen, dies jedoch mit Unterstützung von Motor und Autopiloten. 

Dennoch kann man wohl sagen, dass uns den ganzen Weg lang eine Pechsträhne begleitete. So wurde das Stevenrohr, d.h. die Dichtung an der Welle, wo diese die Schiffswand durchbricht und nach aussen tritt, zunehmend undichter. Anfangs konnten wir das Wasser mit der (dafür vorgesehenen) Bilgenpumpe auspumpen. Die Leitung verstopfte jedoch trotz zwei vorgeschalteten Filtern nach mehrfachem Gebrauch (aufgrund von Plastik- und Silberfolienfetzen sowie vor allem Glaswolle von der Motorraumisolierung, die sich in der Bilge angesammelt hatten), und es blieb uns nichts anderes übrig, als das Wasser mit einer Gardena-Pumpe und einem Makita-Akkubohrer ungefiltert über Bord zu schicken. Wir danken den MitarbeiterInnen der beiden Firmen, dass sie Produkte herstellen, die auch im aussergewöhnlichen Einsatz durch entsprechende Standfestigkeit überzeugen. Wir hätten auch die hintere Fäkalienpumpe mit dem Schlauch aus der Bilge verbinden können, wollten jedoch nicht riskieren, dass auch diese verstopft. 

Kurz bevor wir unseren Zielhafen Le Marin, Martinique, erreichten – es war unsere letzte Nacht – setzte begann dann auch noch der Motor zu stottern. Irgend etwas hatte seine Dieselzufuhr rationiert. Was oder wer dafür verantwortlich war, fanden wir an Bord nicht heraus, die Filter waren sauber. Die beiden Männer an Bord waren überzeugt, der Dieseltank sei leer (die Tankuhr stand schon lange jenseits der Resere), Suzanne meinte, wir hätten noch genug Treibstoff, das Problem habe einen anderen Grund. Weil sich – um die Situation noch zu erschweren – per Funkgerät keine Dringlichkeits- oder Hilferufe absetzen liessen – Funk empfangen funktionierte einwandfrei, aber senden wollte das Gerät nicht mehr – griff Jörg zum Satellitentelefon und rief mitten in der Nacht einen Freund in Tasacorte an, der uns seine Unterstützung für den Fall der Fälle vorher zugesagt hatte. Dieser setzte sich telefonisch mit der Bremer Rettungsleitstelle in Verbindung und gab ihnen unsere Position durch. Diese wiederum kontaktierten die MRCC auf Martinique, die sich mit uns per Satellitentelefon in Verbindung setzten. Klar war, dass wir mit einem Segelboot unterwegs waren und da bedeutet der Ausfall des Motors nicht in jedem Fall ein Risiko. Wir segelten also auf dem eingeschlagenen Kurs Richtung Südspitze Martinique. Das funktioniert auch problemlos, brauchte aber Zeit (die wir mit Motorunterstützung auch benötigt hätten). Immerhin war an den Einsatz des Autopiloten nicht zu denken. Doch auch erblickten wir die französische Insel schon vor Sonnenaufgang. Als wir am frühen Morgen die Bucht vor unserem Zielhafen Le Marin erreichten, kam uns dort ein zweimotoriges Schiff der französischen Zollbehörde entgegen und brachte uns sicher in den Hafen von Le Marin. Zwei Ingenieure der Crew, die wissen wollten, was unser Problem war und zu uns an Bord kamen, fanden heraus, dass die Entlüftung der Dieselleitung nicht mehr richtig funktionierte. Mit einem kleinen Werkzeug klopften sie ein paar Mal auf die Leitung und siehe da, der Motor lief wieder, wie eh und je. Wir drei an Bord waren sehr erleichtert, als wir am Heiligabend-Morgen etwas erschöpft aber wohlbehalten im Hafen angelegt hatten. Und Suzanne hatte zum guten Ende Recht behalten. Es hatte noch Diesel im Tank. 

Dabei durften wir froh sein, dass wir einen Platz erhielten, wenn auch nur für 14 Tage. Diese wiederum brauchten wir, um Lösungen für unsere technischen Probleme zu organisieren. Und das dauert auch im französischen Martinique so seine liebe lange Zeit, wobei angemerkt sein muss, dass wir gerade zur Hochsaison angekommen waren. Das meiste ist inzwischen wieder in Takt, doch der Termin mit dem Techniker für den Generator ist erst am 10. Januar. Deshalb werden wir kurz vorher an den Steg der benachbarten Werft wechseln, dort das Schiff ggf. aus dem Wasser nehmen lassen, auch um zu prüfen, wie es mit dem Anstrich unter Wasser aussieht. Vielleicht sollte er ja erneuert werden. Ob oder ob nicht und welche Lösung es für den Generator geben soll, erfahrt ihr im nächsten Monat, also anfangs Februar. Wir hoffen, die gastliche französische Insel bis dahin verlassen zu haben. Unseren künftigen Kurs wollen wir ohnehin neu festlegen. Die Umrundung von Südamerika haben wir nach den Atlantik-Erfahrungen gestrichen. 

Wie es mit uns und unserer WoC weitergeht, geben wir an dieser Stelle in ca. einem Monat zum Besten...