März 2020

... bis der Virus kam

Gemütlich segelten wir von Le Marin in die Marina der Rodney Bay, St. Lucia. St. Lucia ist ein eigener Staat mit rund 200'000 Einwohnern. Mit einem Mietauto (Linksverkehr) besuchten wir die bunte, lebhafte Hauptstadt Castries mit einem riesengrossen Markt. Im Tourismusbüro liessen wir uns erklären, was es Sehenswertes auf der Insel zu besuchen gibt. Südwärts fuhren wir zu einem Aussichtspunkt, von dem aus die Wahrzeichen der Insel, der Grosse und der Kleine Piton, sehr gut zu sehen sind. Dies sind zwei spitze Berge, Schlot-Reste von Vulkanen, die sich direkt am Meer erheben und eine Höhe von über 700 m erreichen. Im Park der Diamond Falls bewunderten wir exotische Pflanzen und den Diamond Wasserfall, der seinen Namen von den gelben Schwefelablagerung erhalten hat. Mit einer kundigen Führung spazierten wir entlang der Sulphur Springs, bestaunten die blubbernden Vulkantümpeln und sogen die Schwefeldämpfe ein. Unsere Führerin machte uns mit den Eigenheiten der Vulkane von St. Lucia vertraut und erzählte, wie man heute mithilfe Isländischer Fachleute versucht, elektrische Energie aus der Vulkantätigkeit zu gewinnen. Eine Fahrt entlang der rauhen Ostküste und quer durch die Insel, steile Hügel rauf und wieder runter, vermittelten uns ein umfassendes Bild des Eilandes. Jeden Tag lieferten uns Händler frisches Gemüse und Früchte direkt ans Boot, der eine mit seinem voll bepackten und tief im Wasser liegenden Bötchen, der andere kam mit Bioqualität_Produkten über den Steg. Die Guaven, Loveapples, Mangos, Papayas, Ananas, Bohnen, Gurken, Tomaten, Spinat, Süsskartoffeln, Auberginen und Zucchini waren so frisch einfach herrlich zu essen. Am frischesten jedoch war der Bund Basilikum, den der Händler in seinem „Dachgarten“ pflückte und Suzanne in die Hand drückte.

Inzwischen hatten wir vom Coronavirus erfahren und von den weltweiten Einschränkungen, doch hatten wir vorerst keine Ahnung, was dies für die Karibik bedeuten sollte. Bevor wir planmässig nach Barbados segelten, erkundigten wir uns nach allfälligen Einschränkungen. Die gab es nicht. Doch auch so mussten wir uns Barbados seglerisch hart erkämpfen, die nächtliche Fahrt gegen den Wind und relativ kleine, aber unangenehme Wellen verlangte unseren ganzen Einsatz. Wie schon auf St. Lucia führte uns unser erster Weg nach der Ankunft im Einklarierungshafen von Port St. Charles zu Customs und Immigration Office. Es gibt auf jeder Insel sehr strenge individuelle Einklarierungsregeln, die man unbedingt einhalten muss. Etwas weiter südlich von Port St. Charles, in der Bucht vor Bridgetown, der Hauptstadt der Insel, gingen wir anschliessend vor Anker. Auf der Insel leben rund 300'000 Einwohner, das englische Erbe ist überall sichtbar. Als einzige der unabhängigen Inseln hat sie ihre eigene Währung, den Barbados Dollar, während sich die anderen auf den East Caribbean Dollar geeinigt haben. Der beste Rum, so haben wir gelesen, wird auf Barbados hergestellt; und selbstverständlich kosteten wir davon. Die Insel ist nicht vulkanischen Ursprungs, sondern eine angehobene Koralleninsel. Dies erfuhren wir bei der Besichtigung der Harrison’s Cave, den wir mit dem öV im Zentrum der Insel erreichten, wo sich die Höhle befindet. Etwas weiter gegen Osten liegt das Welchman Hall Gully, ein Tal, das unter Naturschutz steht. Wir kriegen nicht genug von der Vielfalt der karibischen Flora und selbst wenn wir schon viele botanische Gärten besucht haben, es ist immer wieder von neuem ein Erlebnis. Am Eingang erhielten wir eine lange Liste mit nummerierten und englisch beschriebenen Pflanzen und Angaben, wofür sie gebraucht werden und woher sie stammen. Die Täfelchen mit den Nummern waren nicht immer einfach zu finden, mal am Boden, mal auf oder über Augenhöhe angebracht. Eine war besonders schwierig zu finden, weil sie auf einen Termitennest hoch oben an einem Baumstamm verwies. Beim Schlendern durch das Tal vernahmen wir in den Bäumen hoch oben am Rand der Schlucht immer wieder lautes Rascheln und entdeckten die hier lebenden Meerkatzen, die von einer Baumkrone zur anderen sprangen. Doch auf Barbados beobachteten wir nicht nur die Natur, sondern auch die Auswirkungen des Coronavirus auf den Tourismus, hier insbesondere auf die Kreuzschifffahrt. Weil die Leute nicht mehr an Land gehen durften, wurden sie mit Sondermaschinen nach Hause geflogen. Zurück blieben vorerst leere Geisterschiffe, zeitweise bis zu acht Stück ankerten vorübergehend vor unserer Bucht. Bevor wir nach St. Vincent and the Grenadines aufbrachen, erkundigten wir uns wieder, ob wir dort mit irgendwelchen Einschränkungen rechnen müssten. Nein, kam die Antwort vom Immigration Office. Und das war so. 

So segelten wir, diesmal mit raumem Wind aber immer noch unangenehmen Wellen etwas angenehmer als bei der Hinfahrt wieder nach Westen in die Bucht von Kingstown. St. Vincent und die südlich gelegenen Grenadinen sind ein Staat mit rund 120'000 Einwohnern. Das oberste Haupt der Insel ist wie bei Barbados die englische Königin. Der botanische Garten in der Hauptstadt Kingstown wurde schon 1765 gegründet. Mit einer speziellen Führung lernten wir wieder neue Pflanzen kennen und erleben. Unser Guide zerrieb immer wieder Blätter oder Rinde von Pflanzen zwischen seinen Fingern und gab sie uns, um daran zu riechen; so machten wir u.a. mit einem Parfüm-, Knoblauch-, Lorbeer- oder Zimtduft Bekanntschaft. Er zeigte uns Blüten, die nur einen Tag ihre Farbpracht zeigen, u.a. die der Cannonball Pflanze. Einige Bäume sind riesengross und so alt wie der botanische Garten. Wir wurden auch zu den Bäumchen geführt, die Prinz Philipp, Prinz Charles oder Prinz Harry anlässlich ihrer jeweiligen Besuche gepflanzt hatten. 

Um endlich die Unterwasserwelt kennenzulernen und etwas zu schnorcheln, segelten wir in den Nordwesten von St. Vincente in die Wallilabou Bay. Hier wurden 2003 Teile des Films „Der Fluch der Karibik“ gedreht; Reste der damaligen Bebauung sind noch sichtbar, doch viele Teile wurden durch einen Hurrican zerstört. In der Nachbarbucht, der Keartons Bay, lernten wir Rosi und Orlando kennen, die weitherum bekannten Betreiber des Rock Side Cafes, und liessen uns zu einem herrlichen Vier-Gang-Menu veführen.

Nun sitzen wir auf St. Vincent fest. Ob wir noch die Grenadinen Inseln, eines der schönsten Segelreviere der Karibik, besuchen dürfen, wissen wir nicht. Das Immigration Office hat uns auf unsere Anfrage noch nicht geantwortet. Ganz sicher können wir zur Zeit weder Grenada, Trinidad, Tobago noch Curaçao, unsere nächsten geplanten Ziele anlaufen. Ob wir Ende Mai mit unserem bereits gebuchten Flug nach Europa fliegen können, werden wir sehen. Wir fühlen uns wohl hier, weil wir von den Einheimischen gut umsorgt werden und alles kriegen, was wir zum Leben benötigen. Aber ein bisschen gefangen sind wir trotzdem, auch wenn in einer idyllischen Umgebung...