Mai 2020

... und wir sind doch angekommen

An vielen Orten, an denen wir vor Anker oder an der Boje lagen, kamen wir mit Leuten ins Gespräch. Sie zeigten sich interessiert und wollten helfen, sofern sie konnten. Aber sie nahmen auch unsere (finanzielle) Unterstützung gern an, weil ihnen das übliche Einkommen in der Saison weggebrochen war. Josef kam immer wieder mal ans Schiff, fragte nach unseren Bedürfnissen und schwatzte mit uns über Gott und die Welt. Wir sprachen auch über unser nächstes Ziel, die Tobago Cays, nur wenige Meilen von Mayreau entfernt. Er werde uns rüberbringen, bot er uns an, denn es gäbe dort zahlreiche Untiefen und wir müssten dort achtsam sein, ohne Grundberührung ans Ziel zu kommen. Wir waren - nach Preisverhandlung - einverstanden. Pünktlich am Morgen kam Josef mit seinem flachen Kajak auf der WoC an. Er brachte uns einen grossen Red Snapper und eine Riesenportion Conch (gekochtes Muschelfleisch) mit. Auf den Tobago Cays wollte er uns den schönsten Bojenplatz zwischen den Inselchen zeigen und uns beim Festmachen helfen. Die kurze Strecke  gegen den Wind legten wir mit dem Motor zurück. Josef paddelte nach dem Festmachen mit seinem Kajak wieder zurück nach Mayreau. Die Tobago Cays sind ein Taucher- und Schnorchelparadies. Wir lagen zwischen den beiden unbewohnten Haupt-Inselchen. Daneben gibt es noch mehrere kleinere und vor allem vorgelagerte Riffe. Normalerweise ankern in den Tobago Cays, heute gleich lautender Marine Park, bis zu 100 Boote, so wurde uns gesagt. Wir zählten am Anfang sechs, meist Franzosen, und am Schluss waren wir alleine. Mit dem Dingi jonglierten wir zu den Riffen und machten es dort an einer extra Boje fest. Unser erster Schnorchelgang war allerdings etwas mühsam, weil wir gegen eine spürbare Strömung anschwimmen mussten und das Wasser unruhig und aufgewirbelt war. Beim zweiten Versuch – ein Tag später – war es dann wesentlich ruhiger, und wir liessen uns von unzähligen farbenprächtigen Fischen, Wasserpflanzen und Korallen beeindrucken. Jörg entdeckte sogar eine Wasserschildkröte und Suzanne einen etwa ein Meter langen flachen Fisch. Am dritten Tag stieg Suzanne – unüblicherweise – zuerst aus dem Dingi ins Wasser. Sogleich merkte sie, dass sie stark abgetrieben wurde, wir hatten die Strömung unterschätzt. Zum Dingi zurück zu schwimmen, war nicht möglich, so musste Jörg, der noch im Dingi geblieben war, sie mit dem Boot bergen. Der vorgesehene Tauchgang fiel buchstäblich ins Wasser.  

Doch man kann die Inselchen auch per pedes inspizieren. Viel zu sehen gab es nicht, denn alle Einrichtungen lagen wegen Besuchermangels brach. Immerhin liefen uns zwei Riesenechsen über den Weg, von denen Jörg eine kurz vor dem Abtauchen im Busch noch mit dem Fotoapparat festhalten konnte. An der WoC schwammen hier und da Wasserschildkröten vorbei und steckten ihre Köpfe zum Luftholen aus dem Wasser. Danach tauchten sie wieder ab. In der Nähe gibt es einen Strand, an dem die Schildkröten in der entsprechenden Jahreszeit ihre Eier im Sand vergraben. Diese Region ist für jeglichen Zutritt gesperrt. Den mehrtägigen Aufenthalt in der Natur mit ganz wenigen Touristen haben wir sehr genossen. Doch unseren Kühlschrank auffüllen, konnten wir dort nicht. Am Strand gab’s nur ein verlassenes Restaurant und eine ebenfalls vakante Bar. 

Weil wir seit Canouan kein Gemüse und keine Früchte mehr kaufen konnten und diese aufgebraucht waren, zogen wir nach Clifton, Union Island, weiter, das auch zu St. Vincent und den Grenadinen gehört. Dort wollten wir abwarten, ob und wann wir nach Curaçao einreisen durften. Auch Clifton ist von Riffen umgeben, über die das Wasser – je nach Tide – mehr oder weniger knapp hinüberfliesst. Die grossen Wellen, die mit dem ständig kräftig blasenden Wind aus östlicher Richtung kommen, werden jedoch gebrochen, so dass man im „Schatten“ der Riffs (ganz) gut ankern oder sich an bereits verankerten Bojen festmachen kann. Die Wellen waren trotzdem zeitweise unangenehm. Doch daraus ergab sich für uns zum ersten Mal die Gelegenheit, unsere Stabilisatoren, die wir vor dem Start aus Australien hatten kommen lassen und in der Schweiz ergänzt hatten, auszuprobieren. Und wir waren höchst erfreut, wie deutlich die Einrichtung das Schaukeln der WoC um die Längsachse völlig lautlos und ohne Fremdenergie reduzierte. Zugegeben, die Installation war nicht ganz einfach. Aber in Zukunft werden wir die Errungenschaft schneller installieren als beim ersten Mal. Dank Stabilisatoren haben wir die lange Zeit in Clifton gut überstanden, haben 500 Liter Wasser von hilfreichen Helfern per Dingi an Bord bringen lassen und uns vorgestellt, wie schön es wäre, mit dem Beiboot die nette Bar ca. 200 m vor unserem Bug zu besuchen.    

Auf einem Spaziergang lernten wir Ashton kennen, wo weisses festes Zeug, das aussah wie Algen, auf Tischen und Flachdächern ausgelegt wurde. Ein Fischer erklärte uns, dass die grüne „Seamass“, die in der Bucht mit Fischerbooten aus dem Meer geholt wird, an der Sonne trocknet und weiss wird, damit sie fein gerieben als Mehl für Teigwaren oder Massagemittel verwendet werden kann.  Ein zweiter Spaziergang führte uns zum Naturschutzgebiet der Frigate Island. Dort sind „Ruinen“ von einer nie fertig gebauten Hafenanlage zu sehen. Ansonsten beschäftigten wir uns viel an Bord und genossen das Leben. Eines Abends sassen wir unter unserem Sunsail auf Deck und stiessen zum Apperitiv an, da hörten wir nahe am Ufer eine gewaltige Explosion und sahen meterhohe Flammen in den Himmel schiessen. Das Spektakel dauerte etwa fünf Stunden. Die Gastankstelle war in Brand geraten und gewaltige Mengen Gas waren sukzessive in Flammen aufgegangen und färbten den Nachmittagshimmel schwarz. Ein Gas-Dieb – so erfuhren wir – soll das Zapfventil nicht richtig geschlossen haben, weshalb Gas ausströmte, das dann entzündet wurde. Zum guten Glück wehte fast kein Wind, weil sonst die Gefahr bestanden hätte, dass das Städtchen abgebrannt wäre. Die lokale Feuerwehr, das Löschfahrzeug vom Flughafen und ein Löschboot von St. Vincent halfen, den Brand zu bändigen oder eher dafür zu sorgen, dass die umliegenden Häuser nicht Feuer fingen. Von der WoC aus sahen die 20-30 m hohen Flammen dramatisch aus. Als wir am nächsten Tag ins Städtchen gingen, waren wir heilfroh, dass keine anderen Häuser als die Gastankstelle beschädigt wurden. Allerdings kamen drei Menschen bei dem Unglück ums Leben, zwei Jugendliche und der Besitzer der Gasstation. 

Endlich am 16. Mai erfuhren wir übers Internet, dass sich Curaçao unter strengen Auflagen für Segler öffnen wolle. Nachdem wir alle notwendigen Unterlagen eingereicht und uns zur Zahlung der Quarantäne-Gebühren bereiterklärt hatten, erhielten wir endlich nach fast einer Woche Wartezeit die Bewilligung und segelten in vier Tagen 490 nm bis zur Marina von Willemstad. Unser Pech dabei, Wind und Wellen hielten es so gut mit uns, dass wir viel zu schnell am Ziel angekommen wären und das Zeitfenster (06 - 12 Uhr) für die Hafeneinfahrt nicht getroffen hätten. Also bauten wir einen Umweg ein, dank dem wir frühzeitig und mit Wartezeit vor dem Hafen unser Ziel erreichten. Am Palmsonntag um sechs Uhr in der Früh kamen wir an. Damit die WoC am nächsten Tag aus dem Wasser genommen werden konnte, verstauten wir alle Gegenstände, die auf Deck waren und reinigten das Schiff aussen und innen. . Danach packten wir unsere Sachen zusammen, weil wir um 17.30 Uhr abgeholt und in unser Quarantäne-Hotel gebracht wurden. Da sind wir nun – wie in einem Komfort-Gefängnis. Wir dürfen unsere Villa nicht verlassen. Das Essen wird uns gebracht. Zum guten Glück können wir nun in Ruhe die Website herrichten und am 4. Juni erleichtert nach Amsterdam fliegen, um dann hoffentlich ohne weitere Quarantäne nach Deutschland und in die Schweiz zu fahren.

Zum ersten Mal haben wir ein Jahr ohne Unterbruch auf der Wind of Change gelebt. Am Schluss in St. Vincent and the Grenadines, einem Staat, der sich den Virus weitestgehend vom Hals halten konnte. Davon haben auch wir profitiert. Jetzt freuen wir uns auf die vielen Familienmitglieder und Freunde, die wir besuchen werden. Doch es ist klar, dass wir nach der Hurrikan-Saison nach Curaçao und zu unserer WoC zurückkehren werden. Wann genau das sein wird und wie unsere Reise weitergeht, das ist aber noch nicht gesetzt. August/September dürfte es schon werden. Bis dahin steht die WoC im Trocknen. . 

 

Euch allen alles Gute, die 2 von der WoC, Suzanne & Jörg