Juni 2019:

Von der Nordsee über den Kanal in den Atlantik

 

Mit einem Nachttörn zogen wir einen Schlussstrich unter die Dänemark-Tage, um von Hvide Sande nach Helgoland zu kommen. Doch die Nacht war von kaltem am-Wind-Segeln und entsprechend ruppigen Wellen geprägt, daran wollte auch der Juni nichts ändern. Helgoland ist die einzige Hochseeinsel Deutschlands. Sie besteht aus einem relativ kleinen, dafür zerklüfteten Felsen mit einem nach der Zerstörung im zweiten Weltkrieg aufgebauten Ort am südöstlichen Zipfel. Helgoland ist ein beliebtes und gut erreichbares Tagesziel für Segler aus Cuxhaven, Hamburg und Bremerhaven. Aber auch für unzählige Besucher, die mit Fähren und Kreuzfahrtschiffen anreisen. Im Hafen machten wir - wie viele andere, die auch über Auffahrt gekommen waren - in sog. "Päckchen" fest, dabei liegen bis zu zehn Boote nebeneinander an einem Steg. Die WoC lag dabei eher am Anfang der Reihe (innen), weil kein "Yoghurt-Becher" sie neben sich haben wollte (viel zu schwer), also lagen bis zu sieben Boote neben uns, wobei deren Mannschaft über alle vorhergehenden Boote steigen mussten, um an Land bzw. wieder zurück auf ihre Boote zu gelangen. Helgoland war der erste Halt in der Nordsee, an dem wir die Gezeiten richtig erlebt haben. Der Unterschied der Wasserlinien von Ebbe und Flut betrug bis zu fünf Metern, die man - wollte man bei Ebbe von den Stegen an Land - über in die Beckenwände eingelassene Eisenleitern überwinden musste.  

Die Insel offeriert (ähnlich wie Samnaun) günstige Einkaufsmöglichkeiten, weil keine Zölle und Mehrwertsteuer entrichtet werden müssen. Der Ort beherbergt eine grosse Anzahl Feriengäste. Als wir dort waren, waren alle Hotels ausgebucht. Die Hauptattraktion sind jedoch die unzähligen an den Felsen im Nord-Westen der Insel nistenden Vögel, vor allem Trottellummen, Dreizehenmöven und Basstölpel, die wir auf der Rundwanderung rund um die Insel aus wenigen Metern Entfernung beobachten konnten. Ein einzigartiges Schauspiel. 

Von Helgoland nach Norderney hatten wir endlich mal wieder eine traumhafte Überfahrt. Mit vollen Segeln legten wir die Strecke bei herrlichem Südwind, Sonnenschein und kaum Wellen in kurzer Zeit zurück. Die Zeit dort verbrachten wir mit zwei - aus Schweizer Tagen befreundeten - Ehepaaren, das eine lebt inzwischen auf der Insel, wobei der Mann dort eine Segelschule betreibt, das andere war bei ihm zu Besuch. Über Pfingsten fuhren wir dann zum Naumann-Geschwistertreffen nach Friesenhausen in Unterfranken, wo es sehr hügelig war und wir jeden Tag nach Herzenslust wandern, Königsberg mit seinen alten Fachwerkhäusern besichtigen und selbstverständlich verschiedene heimische Biersorten geniessen konnten. Nach wenigen Tagen mit viel Austausch im Rahmen der Familie ging's dann wieder zurück in den Norden...

Vor dem Ablegen in Norderney kam Jörgs Schwager Rolf an Bord, um einen Nachttörn bei herausfordernden Winden und Wellen zu erleben. Am frühen Nachmittag des nächsten Tages erreichten wir Den Helder/NL. Rolf, der im Winter mit uns den Atlantik überqueren will, hat die ruppige Fahrt gut gemeistert und damit seine Seetüchtigkeit für längere Törns bewiesen.

Wieder zu zweit segelten wir anschliessend über Dünkirchen, Boulogne-sur-Mer und Calais nach Dieppe. 

In Dieppe erwarten wir unseren nächsten Gast. Alexander, ein Schweizer Freund, hatte sich gemeldet, weil er mit der Teilnahme an unserer Atlantik-Überquerung geliebäugelt hatte. Er wollte das Leben an Bord für ein paar Tage kennenlernen. Gemeinsam segelten wir über Le Havre und Cherbourg nach St. Peter Port (Guernsey). Dabei galt es, die je nach Tageszeit unterschiedliche Richtung und Stärke der Strömungen zu berücksichtigen, weil wir diese möglichst ausnutzen wollten. So fuhren wir an der endlosen französischen Steilküste entlang, anfangs sogar bei herrlichem Wetter. Das sollte sich allerdings bald radikal ändern. Beim „Alderney Race“, einer Strecke zwischen der Insel Alderney und dem Festland (Cap de la Hague), kochte das Meer unheimlich. Dort war die Strömung so stark, dass wir mit einer Höchstgeschwindigkeit von 13.1 kn und mittleren Geschwindigkeit von 5.9 kn (normalerweise beträgt die mittlere Geschwindigkeit zwischen 4 und 5 kn) vorwärts kamen. Gegen die Strömung anzukommen, wären wir chancenlos gewesen, was die Bedeutung der peniblen Planung (bei uns von Suzanne gemacht) unterstreicht.

Der Wind erreichte zwischendurch Höchstwerte von bis zu 34 kn (8 Bf) und sorgte dafür, dass wir uns ein Problem mit der Saling des Besan (hinterer Mast) zuzogen, das es später zu beheben galt. Wir waren also froh, als wir pünktlich und munter in St. Peter Port einlaufen konnten, wo wir von Barbara, Alexanders Ehefrau, die bei uns als weiterer Gast (für die Zeit im Hafen) an Bord kam, erwartet wurden. Gemeinsam erkundeten wir die Stadt, umrundeten mit dem Bus die Insel, besuchten ein Dolmengrab und wanderten hoch oben auf den Klippen der Südküste. Anders als Rolf  zuvor, musste sich Alexander nach dieser zum  Teil anspruchsvollen und stürmischen Woche eingestehen, dass das Leben an Bord nicht seinen Vorstellungen entspricht. Mit ihm wird die WoC-Crew im Winter also nicht rechnen können. 

Mehr über Guernsey gibt's im nächsten Teil - also ab August 2019.