Juli 2017: Von Polen via Russland nach Litauen 

Am Montag, den 10. Juli 2017, regnet es in Strömen, immerhin ist es nicht mehr so kalt. Wir sitzen gemütlich in unserem „Wohnzimmer“, nachdem wir eine leckere Speckrösti mit Tomatensalat und Rotwein genossen haben, und erinnern uns anlässlich des Songs "1000 miles" von Rita Chiarelli an ihren Auftritt in Brunnen, der allerdings schon etwas zurückliegt. Am letzten Dienstag, also vor knapp einer Woche, wurde die Anker-Winsch wieder zusammengebaut und ... sie funktionierte, zweimal liessen die polnischen Mechaniker den Anker ins Wasser und zogen ihn einwandfrei wieder hoch. Eigentlich hatten wir ihnen das O.K. für den Kauf einer neuen Winsch gegeben, aber sie wollten zeigen, dass sie die alte wieder in Schuss bringen können, was auch günstiger war. Also nahmen wir die Verzögerung in Kauf. Den Rest wird die Zukunft zeigen...

500 Liter per "Schüttelpumpe"

Tagsdarauf brachen wir zu unserer nächsten Plandestination, nach Darlowko, auf. Um dort in die ruhig gelegene Marina zu gelangen, mussten wir abwarten, bis sich eine Schiebebrücke öffnete. Am Abend kosteten wir polnische Teigtaschen (Pierogi). Aus der grossen Auswahl die richtigen bestellen (der Beizer konnte weder Englisch noch Deutsch) konnten wir, weil er einen Freund per Handy anrief, der Deutsch sprach und übersetzte. Der Folgetag war ausgefüllt mit kleineren Einkäufen. Um Schönheitsblessuren an der WoC auszumerzen, brauchten wir Sandpapier, Farbe und Grundierung fürs Schiff. Anschliessend unternahmen wir noch einen Spaziergang entlang der Wieprza bis nach Darlowo. An der polnischen Ostsee gibt es sehr viele Bade-/Fischerorte direkt an der Küste mit einem dazugehörigen Hauptort etwas weiter flussaufwärts, so auch Darlowo. In einem lauschigen Restaurant liessen wir uns ein Stück Kuchen (polnische Kuchen sind kreativ gestaltet, nicht nur süss – kurz köstlich) munden und erledigten anschliessend gestärkt die Herausforderung der Woche: Wir bunkerten 500 Liter Diesel auf polnische Art, weil wir in den angelaufenen Marinas bislang vergeblich nach einer Tankstelle gesucht hatten. Hafenmeister und –kapitän halfen uns, den Treibstoff per Autoanhäger bei einer Autotankstelle abzufüllen und mit einer Gravitations- bzw. Schüttelpumpe ins Schiff abzufüllen. Dank der Hilfe der beiden klappte das Manöver tadellos. Nach zwei Tagen Aufenthalt gings dann weiter nach Ustka ("Perle der Ostsee" genannt), und das bei angenehmem Wetter, mässigem Wind und somit Vollbesegelung. Auch der Hafen von Ustka liegt am Ausgang eines Flusses, der Stolpe (Slupia). Hier konnten wir erst an unsere Anlegestelle gelangen, nachdem sich die dortige Drehbrücke geöffnet hatte. Dort machten wir an der Flusspromenade mitten im Städtchen fest. Auf der einen Flussseite stehen eine geschmackvoll renovierte Häuserzeile, auf der anderen abbruchreife Industriebauten. Natürlich statteten wir der Meerjungfrau auf der Hafenmole einen Besuch ab. Sie soll eine von dreien an der Ostsee sein, die anderen seien in Warschau und in Kopenhagen zu finden... Wir stellen das nicht in Zweifel, haben aber inzwischen weitere Exemplare dieser seltenen Spezies ausfindig gemacht. Auf der endlos langen Strandpromenade spazierten wir zwischen unzähligen Nippes- und Eisständen zur Statue von F. Chopin, bewunderten die - leider nicht immer renovierten - Kapitäns-Villen aus Hanse-Zeiten und liefen barfuss dem feinsandigen Strand entlang. Da Schwell, den der Nordwind in der zweiten Nacht bis in die Stadt flussaufwärts brachte, uns kaum schlafen liess, sagten wir Ustka ade und nahmen Kurs auf den nächsten Ort auf unserer Liste, auf Leba.

 

 

 

 

 

 

Wanderdünen, die Allesfesser 

Leba steuerten wir an, weil wir unbedingt die polnische Sahara (s. auch Foto auf der Homepage) sehen wollten ... und wir waren beeindruckt. Mit gemieteten Velos fuhren wir durch einen sich selbst überlassenen Wald, und plötzlich türmten sich die Sanddünen vor uns auf. Wie einen steilen Berg bestiegen wir sie – zwei Schritte vorwärts, einen zurück. Die Aussicht war herrlich, auf der einen Seite der Lebsko-See, auf der anderen die Ostsee. Die hiesigen Wanderdünen werden vom vorherrschenden Westwind langsam ostwärts bewegt und begraben Bäume und alles, was im Weg steht, unter sich. Irgendwann auch den Lebsko-See.

Unser nächster Hafen, den wir aufgrund der genügenden Hafentiefe ansteuern konnten, war Wladyslawowo. Der grösste Fischereihafen von Polen war nicht besonders idyllisch. Trotzdem haben wir unseren Aufenthalt genossen. Es gab Früchte-/Obststände mit abwechslungsreichem Angebot (von Äpfeln bis Zucchetti) und einen attraktiven Lunapark. Wir stiegen aufs Riesenrad, um schon mal einen Blick bis ans Ende der Halbinsel Hel zu werfen. Denn dort lag unser nächstes Ziel.

Der Wind war uns gut gesinnt. Endlich konnten wir uns ganz ohne Motor, nur mit der Kraft des Windes, unserem Ziel nähern. Unsere Tagesdistanzen – Etmale – bewegen sich normalerweise zwischen 20 und 40 sm, bis zu 60 sm sind drin, ohne über Nacht zu fahren. Werner, der seit Mrzezyno mit seiner Yacht Carmina den gleichen Weg segelte wie wir, kam kurz nach uns am Steg neben uns an. Gemeinsam erkundeten wir den neuen Ort, sein kulinarisches Angebot, und als Abschluss kosteten wir polnischen Wodka.

Am Morgen, 16. Juli 2017, verabschiedeten wir uns – mit einem lachenden und einem weinenden Auge – von Werner, mit dem wir uns sehr gut verstanden haben, und nahmen Kurs auf Danzig. Unser Wunsch war es, im Zentrum von Danzig festzumachen. Nach einer mehrere Seemeilen langen Fahrt auf der Mottlau entlang von Umlade- und Anlegestellen für Ozeanriesen jeglicher Couleur erfuhren wir in der engen Marina von Danzig, dass wir aufgrund einer anstehenden Regatta nur wenige Stunden bleiben könnten. Frustriert ob der überraschenden Ankündigung – dies hätte ja auch früher kommuniziert werden können – beschlossen wir zum Segelzentrum Gorki Zachodnie auszuweichen, um von dort aus Danzig zu besuchen und später auch die Überfahrt nach Klaipeda über russisches Gebiet in Angriff nehmen ...

Danzig - von Touristen überlaufen

Wir haben schnell herausgefunden, dass uns ein Wassertram (direkt von der Marina) oder ein Bus (allerdings mit einem Fussmarsch von ca. einer halben Stunde verbunden) direkt mit dem Zentrum von Danzig verbanden. Wir hatten dadurch einen ruhigen, idyllischen Hafenplatz mit Blick ins Grüne. Gerne hätten wir jedoch das Stadtleben mit dem kulturellen Nachtleben kennengelernt. Wir haben Danzig mehrfach besucht und trotzdem seine Schönheit und sein einzigartiges historisch-architektonisches Stadtbild erkundet und schätzen gelernt. Allerdings haben dieses Vorgehen sehr viele Menschen mit uns geteilt – das konnte man nicht übersehen; manchmal kam es sogar zu Staus und richtigem Gedränge.

Sopot (Zopott) ist einer der beliebtesten und mondänsten Badeorte Polens. Von Napoleons Leibarzt gegründet, hat Sopot seine Bedeutung über die Jahre nach und nach ausgebaut. Zu seinen Attraktionen gehört die längste Seebrücke der Ostsee, 512 m weit reicht sie in die Ostsee, um Schiffen das Anlegen zu ermöglichen.   

In Danzig hätten wir problemlos weitere Tage verbringen mögen, aber die Weiterfahrt – Überquerung des russischen Staatsgebietes zwischen Polen und Litauen – wollten wir nicht hinausschieben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wetterprognosen sagten für den Tag Nord- oder Nord-Ostwinde mit ca. 20 kn voraus, was für uns Raum-Kurs bedeutet hätte. Auf dem Wasser 

stellten wir jedoch fest, dass der Wind mehrheitlich keinen raumen, sondern gerade noch einen Hart-am-Wind Kurs erlaubte. Dies hiess, dass wir die Wellen gegen uns hatten, die uns bremsten und die Geschwindigkeit spürbar reduzierten. Trotz Vollbesegelung und Motorunterstützung benötigten wir 26 Stunden für die Durchfahrt, wobei wir deutlich mehr als die verlangten 12 sm Abstand zum russischen Ufer einhielten. Die Nacht war dunkel, kein Mond, kaum Sterne zu sehen. Aber die heutige Technik sagt dem Rudergänger schliesslich immer exakt, wo er ist und wo er hinsollte. Erst in der Morgendämmerung kreuzten ein paar Schiffe den Kurs. Keines davon diente wohl militärischen Zwecken. Wir hatten Glück. Ein paar Tage/Nächte später hielt die russische Marine nämlich mit Unterstützung chinesischer Schiffe in der Region ein Manöver ab. Wären wir ihnen in die Quere gekommen, hätten wir sicher umkehren dürfen. Als wir endlich nach heftigem Geschaukel gegen Mittag in Klaipeda ankamen, waren wir uns einig, inskünftig darauf zu achten, Hart-am-Wind-Kurse wenn möglich zu vermeiden.

Die Marina vom Yachtclub Klaipeda, in der wir festmachten, liegt gegenüber der Stadt auf der Kurischen Nehrung. Um das Zentrum zu erreichen, muss man eine Fähre nehmen, die für die Überfahrt wenige Minuten benötigt. Zum Einkaufen entdeckten wir ein riesengrosses Einkaufszentrum (Akropolis genannt) mit 250 Geschäften und einem ebenso grossen Supermarkt, Maxima getauft. Diesen erreichten wir mit dem Linienbus für wenige Eurocents. Schwer beladen mit lokalen Esswaren und ausgewählten Weinen aus Aserbeidschan, Georgien und Moldawien kehrten wir zur WoC zurück.

Die nächsten Tage waren für Ausflüge reserviert. Mit gemieteten Fahrrädern fuhren wir einen Tag gegen Norden zum renommierten Badeort Palanga und am nächsten nach Süden auf der Kurischen Nehrung nach Nida. Beide Wege führten uns durch herrlich duftende Kiefernwälder. Palanga ist ein betriebsamer Badeort, Nida eine beschauliche ehemalige Künstlerkolonie. Die Velofahrten – jeweils über 50 km – taten unserer Gesundheit gut.  Auch Klaipeda selbst bietet seinen Gästen zahlreiche Sehenswürdigkeiten. Dazu gehört ein Rund- besser Suchgang mit zahlreichen Skulpturen, den wir mit Freude und Begeisterung verfolgten. Es war nicht immer einfach die Skulpturen zu finden, so hatte man einen Kaminfeger auf ein Häuserdach platziert (doch wer sucht schon in der Luft nach einem Kunstwerk??), aus dem Topf gefallene Münzen waren am Boden versteckt und die kleine Maus mit den grossen Ohren verbarg sich fast unter Sträuchern. Wir hielten durch und belohnten uns, nachdem wir alle Kunstwerke gefunden hatten, mit einem litauischen Essen am Theaterplatz. Dass es dazu gebratene Schweineöhrchen und Zeppeline gab, wird jeder von uns beiden nicht so schnell vergessen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bevor wir weitersegelten, planten wir unsere weitere Reiseroute und stellten fest, dass wir nur noch eine Destination in Lettland ansteuern konnten und danach wieder umkehren sollten, um - gemäss Planung - Ende September wieder in Laboe zu sein. Umkehren? Da waren wir uns einig - kam nicht in Frage. Wir entschieden uns diskussionslos für eine Weiterführung der geplanten Route bis Tallin. Dort dann aber eine Überwinterung einzulegen. Schliesslich woll(t)en wir nicht nur Seemeilen fressen, sondern uns Zeit nehmen, die Länder, die wir besuchten, nach Möglichkeit – d.h. von den Orten aus, die wir ansteuerten – kennenzulernen.

Mit froher Erleichterung über den eigenen Entscheid haben wir am nächsten Tag die relativ lange Tagesetappe nach Liepaja unter die Segel genommen. Doch da war es bereits August...

Euern Feedback könnt Ihr hier loswerden...

Schiebebrücke in Darlowko
Schiebebrücke in Darlowko
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Gemütliches Café in Darlowo
Gemütliches Café in Darlowo
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Dieseltanken per Schüttelpumpe
Dieseltanken per Schüttelpumpe
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Schwenkbrücke in Ustka
Schwenkbrücke in Ustka
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Promenade in Ustka
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Riesenrad in Wladislawowo
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Blick auf die Halbinsel Hel
Blick auf die Halbinsel Hel
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Kirche und Schiffsmuseum
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Sanddüne begräbt den Wald
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Mit der WoC in Danzig
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Das Krantor gegenüber der Marina
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Logistikanlagen an der Mottlau
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Auf- oder Abbau? Kaum zu entscheiden
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Danziger Altstadt voll von Touristen
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Prachtbauten mit Stadthaus
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Fussgängerhebebrücke & Philharmonie
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Sopot hat die längste Seebrücke ...
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... Palanga die meisten Badegäste...
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Sonnenaufgang vor Klaipeda
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Alter Bootshafen von Klaipeda
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Meridiana in vollen Tüchern
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Musikgruppe auf dem Rathausplatz
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Die Maus mit grossen Ohren...
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Radweg durch den Wald
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Gästehaus-Dachstock in Palanga
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Vögel als Ursache für Baumsterben?
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Neuer Trend: nautical gardening
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