Juni 2017: Von Deutschland nach Polen 

Geschichtsstunde inbegriffen

In den ersten Juni-Tagen liessen wir die WoC in Wieck liegen, um uns zum jährlichen Familientreffen – dieses Jahr in Zietlitz – zu versammeln. Anschliessend ging’s über den Greifswalder Bodden auf die Insel Rügen und dort über den Having nach Seedorf. Das ist eine kleine Ansammlung von (Ferien-)Häusern am Durchgang zum Neuensiener See. Wieder ein ganz ruhiger kleiner Hafen – besser eine Ansammlung einiger Stege. Von dort fuhren wir mit den Fahrrädern zum Jagdschloss Granitz, wo wir vom Schlossturm den Blick über die ganze Insel schweifen lassen konnten. Über das Seebad Binz ging die Fahrt auch zur Prora, dem im Dritten Reich mit einer Länge von über 4.5 km geplanten Ferienprojekt für 20'000 Gäste. Allerdings wurde von den Nazis nur etwa ein Kilometer des Projekts im Rohbau realisiert. Gäste wurden dort nie einquartiert, weil Bauarbeiter und Baufirmen vor Kriegsausbruch für militärische Projekte abkommandiert wurden. Nach Kriegsende wurden die halbfertigen Gebäude von den Russen und der DDR als Unterkünfte für Flüchtlinge, später auch als Feriendomizile für Offiziere und deren Familien genutzt. Nach der Wiedervereinigung haben sich Bundes- und Landesregierung - nicht ohne damit auf Kritik zu stossen - entschieden, das Objekt für Investoren freizugeben, so dass heute wieder total renovierte Teile als Hotelzimmer und Ferienwohnungen zum Kauf und zur Miete angeboten werden. Doch noch stehen lange Gebäudezeilen halb verfallen in der Landschaft. Es bleibt Vieles zu tun.

Einen besonderen Eindruck hinterliess uns der Badeort Sellin, den wir von Binz aus mit dem „Rasenden Roland“, einer weiteren von einer Dampflok gezogenen Nostalgiebahn, erreichten. Viele Gebäude aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zeigen – „geputzt und gestrählt“ –, welche Ansprüche Gäste an ihre Ferien an der Ostsee früher wie heute zu stellen pfleg(t)en.

Auch der Grund für die Wahl des nächsten Ziels war geschichtlichen Ursprungs. Da wir in der Nähe von Peenemünde vorbeikamen, wollten wir uns die Reste der Heeresversuchsanstalt und der militärischen Raketenbasis der Nationalsozialisten ansehen. Viel zu sehen gab es zwar nicht, weil alles zerstört und/oder demontiert wurde. Aber einiges zu erfahren gab es u.a. bei einer unterhaltsamen Exkursion durch das gesperrte Gelände schon, so dass Peenemünde – wo wir im fast leeren und noch im Bau befindlichen Nordhafen festmachten – inskünftig mehr als nur eine angelesene Ahnung bei uns hervorrufen wird.

 

Das Wetter, Sturm mit bis zu 40 kn Wind – Bft 8, knapp unter Sturm – sorgte dafür, dass wir länger als geplant in Peenemünde blieben und die Zeit mit einem weiteren Fahrradausflug, dieses Mal zu den Seebädern Karlshagen und Zinnowitz, sowie mit einem ausgedehnten Spaziergang füllten. Etwas Büroarbeit war auch noch zu erledigen, so dass die Zeit wie im Flug verrann. Als krönender Abschluss erwies sich ein Grillabend, den der Hafenmeister des Nordhafens organisierte. Gemütlich sassen Segler und Camper zusammen und tauschten ihre Erfahrungen und interessante Geschichten aus.

Erstmals in Polen

Unsere nächste geplante Marina in Swinemünde (Swinoujscie) liegt in Polen, kurz hinter der Grenze. Gemütlich mit etwa 10 kn Wind segelten wir mit Unterstützung des Motors – um rechtzeitig am Bestimmungsort anzukommen – dorthin. Am Folgetag war Putz- und Waschtag (auch das muss sein). Anschliessend lag aber noch ein Bummel auf der Seepromenade drin, an der zurzeit internationale Konzerne ihre Hotels hochziehen, die neben den traditionellen Gästehäusern jedoch kaum zur Verschönerung der Promenade beitragen. Bei heissem Sommerwetter genossen wir einen fruchtigen Eisbecher und schlenderten durch den schön angelegten, weitläufigen Kurpark zum Schiff zurück. Mit Mietvelos unternahmen wir an den nächsten zwei Tagen Ausflüge, um – auf deutscher Seite – die Region um den Wolgast- und den Gothensee sowie die Kaiserbäder Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck auf der Insel Usedom sowie auf polnischer Seite die Insel Wollin mit ihrem alten Leuchtturm (mit 308 Stufen/64,8m Bauwerkshöhe der höchste an der Ostsee und sogar einer der höchsten der Welt – Inbetriebnahme 1857) zu "erfahren". Swinemünde verfügt über einen rege genutzten Industrie- und Fährhafen. Polen hofft zudem auf eine erfolgreiche Erdöl- und Gasgewinnung durch Fracking. Anlagen, um Gas, Kohle und ggf. Erdöl zu exportieren, wurden in Swinemünde bereits erstellt.  

Hilfe auf Polnisch

Unser nächstes Ziel Kolberg (Kolobrzeg) sollten wir nicht, wie geplant, erreichen. Mit nur wenig Windunterstützung näherten wir uns dem Ziel zwar bis auf 20 sm. Doch dann stieg der Motor wegen Bruchs eines Keilriemens aus. Während Suzanne gemächlich weitersegelte, stieg Jörg in die Motorgruft der WoC, um den Schaden unter den dort herrschenden engen und heissen Bedingungen zu beheben. Als ihm dies endlich gelungen war, war es indes zu spät, um noch zu vernünftiger Zeit in Kolberg einzulaufen. Da der Wetterdienst erst für den übernächsten Tag Sturm vorhersagte, entschieden wir uns an Ort und Stelle, d.h. in Sichtweite von Mrzezyno, bei gut 10 m Wassertiefe den Anker zu werfen. Am nächsten Morgen wollten wir dann das Ziel ansteuern. Während die Nacht vorerst friedlich verlief, steigerte sich der Wind völlig überraschend gegen 5 Uhr morgens zusehends und brachte damit auch das Wasser richtig heftig in Bewegung. Zudem regnete es immer wieder in Strömen. Wir beschlossen, das Unwetter auszusitzen. Doch als wir uns am frühen Morgen in der Hoffnung abziehender Wolken aufmachten, den Anker einzuholen, versagte uns auch die Ankerwinsch ihren Dienst. Versuche, die Kette per Hand oder mit einem langen Tau über die Winsch einzuholen, stellten sich angesichts des hohen Wellengangs und des Drucks des Winds auf das Schiff (trotz langsamer Fahrt mit Motor gegen den Wind) als hoffnungslos heraus. Um nicht noch eine weitere Nacht das „Bullenriding“ unter Deck ertragen zu müssen, beschlossen wir am späten Vormittag, um Hilfe anzufragen. Die kam unbürokratisch in Form eines roten Fischerkutters mit 5 Mann Besatzung aus dem nahegelegenen Ort. Erst nachdem sich ein besonders gut trainiertes Crewmitglied bei dem Wellengang mit einem todesmutigen Sprung vom Kutter auf unser Boot (beide etwa gleich hoch) geschwungen hatte, gelang es diesem – von Jörg unterstützt – die ca. 40 m Kette per Hand einzuholen. Unter dem Jubel aller Beteiligten wurde der Anker zum Schluss aus dem Wasser gezogen. Im kleinen Hafen von Mrzezyno wurden wir vom Hafenmeister und der Polizei (zur ersten Passkontrolle auf dem Törn) empfangen. Nachdem uns ersterer freundlich umsorgt und Hilfe zur Reparatur der Ankerwinsch organisiert hatte (und das am Samstagnachmittag), wurde der Erfolg der Rettungsaktion im neuen Restaurant des Kutterkapitäns mit eingelegtem Hering, Bier und Wodka gefeiert. Die Kosten für die Rettungsaktion durften wir bezahlen, doch zur Feier waren wir eingeladen. Auch wenn nur wenige Polen Deutsch oder Englisch, wir kein Polnisch sprechen, gab es genügend Mitglieder in der Runde, die unsere Geschichte und andere von einer Sprache in die andere übersetzten. Mit diesem spontanen Anlass, der überwältigenden Bereitschaft zu helfen und der grosszügigen Gastfreundschaft der Polen waren die demoralisierenden Erlebnisse der letzten Nächte (fast) vergessen.

Inzwischen sind 5 Tage vorüber, der Winsch-Motor ist endlich repariert. Nach langem Hin und Her, ob eine neue eingebaut oder die alte in Schuss gebracht werden kann, fiel die Entscheidung für letztere Version. Doch jetzt streikt die Kupplung des Geräts. Heisst das, nochmals ein paar Tage warten, bis allfällige Ersatzteile beschafft und eingebaut sind? Wir nehmen die Situation gelassen, ändern können wir ohnehin nichts. Zumal das Wetter hundelausig ist. Nach mehreren Tagen mit kräftigen Ost-Winden und hoher Dünung (sogar im Hafen), hat sich der Wind zwar gelegt, aber es nieselt aus grauem Himmel. Nach ausgedehnten Spaziergängen entlang der Rega und durch einen ausgedehnten Fichtenwald parallel zum Strand haben wir die Stadt Kolberg (Kolobrzeg) mit dem Bus aufgesucht, so dass wir uns den Besuch mit dem Schiff nun sparen können. Kolberg wurde mehrmals vollständig zerstört, zum letzten Mal am Ende des 2. Weltkrieges. Zwar bietet es seinen Besuchern eine lange Liste mit Sehenswürdigkeiten. Einen besonders nachhaltigen Eindruck hat die Stadt bei uns dennoch nicht hinterlassen, ausser dass tausende von – grossmehrheitlich polnischen – Touristen dort in ihrer Freizeit gern die langestreckte Promenade und den Strand bevölkern. In Polen hat gerade die Ferienzeit begonnen.

Unser nächstes Fernziel ist Danzig. Wann wir dort eintreffen werden, darüber informieren wir in ca. einem Monat, als anfangs August. 

Was später passierte...

Marina Seedorf - Natur pur
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Das Jagdschloss Granit ...
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mit einer besonderen Treppe im Turm
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Prosa (im Wald) vom Schloss Granitz
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Prora - ein kleiner Ausschnitt
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Die Seebrücke in Sellin
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Moritzdorf zu Fuss erreicht
Moritzdorf zu Fuss erreicht
Der Nordhafen in Peenemünde
Der Nordhafen in Peenemünde
Velotour nach Karlshagen
Velotour nach Karlshagen
Marina Swinemünde vom Leuchtturm
Marina Swinemünde vom Leuchtturm
Hotelneubauten in Swinemünde
Hotelneubauten in Swinemünde
Verladekräne in Swinemünde
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Grenzemblem PL-DE auf der Promenade
Grenzemblem PL-DE auf der Promenade
Eine Gabe für den Chämifeger...
Eine Gabe für den Chämifeger...
... erweckt diesen zum Leben
... erweckt diesen zum Leben
Fischerboot als Retter
Fischerboot als Retter
Die Fischereiindustrie lebt
Die Fischereiindustrie lebt
Fluss Rega kurz vor dem Hafen
Fluss Rega kurz vor dem Hafen