Dezember 2020 - Januar 2021

Live your dream - trotz allem

Noch nie haben wir uns während unseres Segeltörns so lange an einem Ort aufgehalten wie hier in Kralendijk auf Bonaire. Über drei Monate sind wir jetzt hier. Dies ist eine neue Erfahrung für uns, auch wenn andere Blauwassersegler deutlich länger an einem Ort verweilen, ohne dass die Behörden ungeduldig werden. Es scheint, sie sind froh, wenn überhaupt Gäste kommen und möglichst lange bleiben. Corona sei "Dank". Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, haben wir unsere WoC nicht nur technisch auf Vordermann gebracht, sondern auch ein wenig geliftet. Jörg hat alte, immer wieder auftauchende, aber auch neue Roststellen abgeschliffen, grundiert und übermalt. Häufig sind das kleine und nur schwer zugängliche Stellen, jetzt waren aber auch Fensterrahmen dran, von denen die Rostfahnen ungeniert nach unten liefen. Zusammen haben wir abgewetzte Stellen an Holzwänden und Möbeln, zudem das Steuerrad abgeschliffen und mehrfach lackiert. Die kleine Wandfläche, in der Radio, Steckdosen und Anzeigegeräte angebracht sind, haben wir mit einem zugeschnittenen und lackierten Sperrholzbrett überdeckt, weil sie Löcher aufwies, die nur provisorisch mit Klebeband abgedeckt waren, das aber schon seit Anbeginn der Reise. Bislang hatten wir uns nur nicht daran gestört. Bei dieser Aktion hatten wir eine – sagen wir – amüsante Begegnung. Vom Baumarkt, der etwa zwei Kilometer vom Dingi-Steg, über den alle unsere Landaufenthalte führen, entfernt ist, haben wir drei Sperrholzplatten, 0.004 x 0.7 x 1.50m, gemeinsam zu Fuss zum Dingi tragen wollen. Auf etwa halbem Weg fuhr ein Taxi, das in einer Einfahrt stand, genau dann los, als wir vor ihm vorbeigingen, und brachte Jörg zu Fall. Er ging zu Boden, die Bretter flogen in alle Richtungen. Jörg wie den Brettern geschah zum Glück nichts. Doch der Taxifahrer erschrak so sehr, dass er uns mitsamt Holzplatten gratis zum Dingi-Steg fuhr. So mussten wir die sperrigen Dinger wenigstens nicht mehr so weit tragen.

Für jeden Gang zum «Chinesen», einem in der Nähe liegenden, oder dem holländischen Supermarkt, der weiter weg lag, aber keinen Wunsch offenliess (es sei denn das Versorgungsschiff konnte den Fahrplan nicht einhalten!), oder zur Budget Marine, dem wichtigsten Zubehörlieferanten für Segler, brachte uns unser Dingi an Land. Erst dann konnten wir die Fussmärsche starten. Unsere Velos kamen hier nicht zum Einsatz, weil es zu kompliziert geworden wäre, sie mit dem Gummiboot an Land und wieder zurück aufs Schiff zu bringen. Die Umstände sorgten dafür, dass wir zweimal die Woche je zwei Stunden brauchten, um unsere Lebensmittelvorräte à jour zu halten.   

Nicht alle Löcher waren mit klugen Sprüchen zu verdecken...
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... andere erforderten mehr Arbeit.
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Nach dem Regen konnte das Einkaufen zum Abenteuer werden.
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Wehe, wenn die Versorgungsschiffe ...
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... nicht pünktlich ankamen.
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Normalerweise sah die Lage ...
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... erfreulich und entspannt aus...
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... und wir konnten mit vollen Einkaufswagen...
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... den Heimweg antreten.
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Um keinen falschen Eindruck zu hinterlassen: Wir haben nicht nur gearbeitet, sondern auch das Leben genossen. Zweimal täglich – vor dem Frühstück und vor dem Sonnenuntergang sprangen wir ins herrlich klare Wasser und zogen unsere Runden. Das geht nur, wenn man vor Anker oder an einer Boje liegt. Am Steg einer Marina ist das kein Vergnügen…

 

Wie haben Leute kennengelernt, die schon seit vielen Monaten oder gar Jahren auf ihrem Boot vor Bonaire leben. Darunter auch solche, die kleine Events für die Segelgemeinschaft organisieren. Silvester z. B. weckte die Seglergemeinschaft dreimal die Woche frühmorgens mit seinem VHF-Rundspruch (Funk), an dem er nicht nur den aktuellen Wetterbericht zum Besten gab, sondern auch neu Angekommene einlud, sich kurz vorzustellen; wer mitteilte, den Ort zu verlassen, wurde von ihm verabschiedet. Wer etwas suchte oder zu verkaufen resp. verschenken hatte, konnte es hier mitteilen. An einem dieser oben erwähnten „Events“, der monatlichen Dingifahrt, nahmen wir im Dezember teil (spätere Ausgaben fielen Corona zum Opfer). Etwa zwanzig Dingis wurden dabei zusammengebunden und liessen sich von der Strömung von Kralendijk zur vorgelagerten Insel Kleinbonaire treiben. Dort wurde geschnorchelt, geschwatzt und gegessen. Letzteres natürlich schon während der Überfahrt.

 

Mit einem Off-Roader erkundeten wir auf Naturstrassen den Norden der Insel und den Nationalpark. Dabei begegneten wir immer wieder ausgewilderten Eseln, die auf Bonaire einen Status geniessen wie die Kühe in Indien. Wir trafen aber auch Flamingos und andere Vögel, wie den falkenähnlichen Warawara, besichtigten schroffe Küstenabschnitte und Buchten und andere Sehenswürdigkeiten, von denen der Prospekt zu berichten wusste, so den Bonirean Appletree, den längsten Baum der Insel, die 28 m lange Buttonwood Mangrove sowie vom Wasser abgeschliffene Korallenbrocken. Mit dem Dingi fuhren wir zu entlegenen Schnorchelplätzen und bewunderten farbenprächtige Fische, vielfältige Pflanzen oder versuchten, Wasserschildkröten schwimmend zu verfolgen.

Zudem pflegen wir freundschaftlichen Kontakt zu Seglern anderer Boote, speziell zur Crew unseres Schweizer Nachbarboots „Lille Venn“. Suzanne nahm einmal pro Monat am Ladies-Lunch teil, an dem weibliche Crewmitglieder anderer Boote gemeinsam in einem Restaurant zu Mittag essen und über Gott und die Welt schwatzen.

Dingi-Ausflug der Seglergemeinde
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Eindrücke der schroffen Nordküste von Bonaire...
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...mit brechenden Wellen...
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... und überfluteten Terassen.
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Mit dem Offroader gab's viel zu besichtigen...
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..wilde Esel...
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... Pelikane und ...
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... den falkenähnlichen Warawara
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Der längste Baum der Insel ...
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... und ein Apfelbaum ...
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... sorgen für Abwechslung in der Landschaft.
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Naturstrasse im Nationalpark ...
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... gesäumt von Kakteenhecken.
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Ein vor langer Zeit von einem Tsunami angespülter Steinbrocken
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Vom Meer geschliffener Korallenblock
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Zu den bleibenden Eindrücken von der Insel gehören neben vielen freundlichen und hilfsbereiten Leuten anhaltend starke Winde und kurze, dafür kräftige Regengüsse. Sie haben uns im Dingi auf der Fahrt zu einem weit entfernten Schnorchelplatz oder auf der Heimfahrt von Freunden zurück zur WoC überrascht oder uns unter Deck gepfercht, weil wir in Sekunden pitschnass gewesen wären, hätten wir nur den Kopf aus der Luke gesteckt. So rasch wie die Regenwolken das Weite suchen, so nachhaltig bleibt das Wasser, das sie verloren haben, am Boden. Zahlreiche Pfützen und Seen machen das Einkaufen und Spazieren im Ort dann zum Abenteuer. In Bonaire wird indessen viel gebaut, Strassen- und Hochbau sind an verschiedenen Stellen zu beobachten. Aber Brachland oder nicht befestigte und genutzte Flächen wird es noch für lange Zeit auf der Insel geben. Regen bringt allerdings nicht nur Wasser, sondern auch Sand. Der Wind wirbelt diesen irgendwo auf der Insel hoch, Wind und Regen tragen ihn so lange, bis er mitsamt dem Wasser herunterfällt und das Schiff – beinahe – zum Sandkasten macht.    

 

Endlich – Mitte Januar – trafen die von uns Mitte November georderten Batterien, der Batterie-Monitor und die Tiefenmesssonde in Bonaire ein. Alles musste – inklusive teuren Versandkosten und Margen – in den USA oder in Europa bestellt werden. Die beiden 180 Ah/52 kg schweren Batterien und den Monitor baute ein holländischer Segler fachmännisch ein. Sehr viel wertvolle Tipps und Unterstützung erhielten wir von Ralph, dem Skipper unseres Nachbarkatamarans Lille Venn. Er verband die Stromeinspeisung des Windgenerator und die des Sonnenkollektors mit einem separaten Ladegerät mit den Batterien und zeigte uns, wie beide richtig eingestellt werden. Seither fliesst deutlich mehr Strom in die Batterien, und wir brauchen den Generator nur noch für die Waschmaschine, wenn wir nicht in einer Marina am Landstrom hängen. Wir haben von ihm gelernt, wie Batterien funktionieren und wie empfindlich sie gegen Über-, vor allem aber Unterladung reagieren. Dank Batteriemonitor wissen wir heute in jedem Moment, wieviel Strom erzeugt oder verbraucht wird und wie hoch der aktuelle Ladezustand der Batterien ist. Jetzt sind wir ausgerüstet und können dafür Sorge tragen, nicht noch einmal von defekten Batterien überrascht zu werden. Zu guter Letzt haben Ralph und Jörg das Problem mit dem Tiefenmesser ausfindig gemacht und behoben. Wenn das kein Grund zum Feiern ist?

Es gibt jährlich gute Gründe zu feiern, ob mit Lachs und Sekt ...
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... oder (Sch...)Zigarre.
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Nicht jeder Tag an Deck geht so grandios zu Ende.
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Nach all den Fehlerbehebungen steht unserer Weiterreise nun hoffentlich nichts mehr im Wege. Sobald ein günstiges Wetterfenster kommt, segeln wir wie geplant zur Dominikanischen Republik. Von dort melden wir uns wieder – bestimmt.