Februar 2021

Ganz neue Gedanken

Inzwischen haben wir uns von Bonaire und seinen Wahrzeichen, gemeint sind damit eine nicht enden wollende Autokolonne, die meist abends in ganz gemächlicher Fahrt den langen Kai entlangfuhr, aber auch die teils fanatischen Biker, die mit ihren – zum Teil verlängerten – Maschinen die Autos mit aktivierter Warnblinkanlage auf der engen Strasse überholten und diese Versuche jeweils mit kurzen, dafür ohrenbetäubenden Gasstössen anmeldeten. Mit etwas mehr Platz auf dem Asphalt liessen sie die Spaziergänger und die in den Restaurants und Bars neben der Fahrbahn sitzenden Gäste sogar an ihren Fahrkünsten mit Wheelies und anderen Kunststückchen teilhaben. Und das bis weit in die Nacht…

Inzwischen sind wir in der Dominikanischen Republik eingetroffen und haben uns nach der fünftägigen, rund 600 nm langen Überfahrt wieder erholt. Lange hatten wir auf ein passables Wetterfenster mit nicht zu heftigen Ostwinden und vor allem erträglichen Wellen gewartet. Schliesslich sollte der Hauptkurs in Richtung Nord-Nordost gehen und das bei hier typischen Ostwinden um die 15 bis 20 Knoten (Meilen pro Stunde). Doch kaum hatten wir den Windschatten der Insel verlassen, empfing uns ein Lüftchen, das die Prognosen locker in den Schatten stellte. Dazu blies es so aus Osten, dass wir uns alle Mühe geben mussten, den Wunschkurs von 0° bis 10° einzuhalten. Direkt in den Wind segeln, geht nun mal nicht. Mit allen Segeln gehisst, gelang uns dies recht gut, doch am Ende sollten uns diverse Meilen fehlen, für die wir gen Osten aufkreuzen mussten. Der Grund für den anspruchsvollen Hart-am-Wind-Kurs lag darin, dass wir unsere Wunschdestination im Süden der Dominikanischen Republik nicht anlaufen konnten. Von dort meldete sich einfach niemand, weder auf Mails noch auf Anrufe. Ganz im Gegensatz zum Hafenmeister von Samana in der gleichnamigen Bucht auf der Nordseite der Insel. Also machten wir uns dorthin auf den Weg...

Das bedeutete, dass wir die Dominikanische Republik im Osten umrunden und die fast schon berüchtigte Mona-Passage passieren mussten - im geziemten Abstand am US-amerikanischen Puerto Rico vorbei. Und das sollte nicht einfach werden. Aber ich will nicht vorgreifen. Gehen wir nochmals einen Schritt zurück, dorthin wo wir den Windschatten - und damit die gezähmten Wellen - hinter Bonaire verlassen hatten. Hier zeigte sich unsere WoC nämlich von einer ihrer wirklich starken Seiten. Mit allen drei Tüchern am Wind blieb die WoC drei Tage lang treu auf Kurs, auch wenn sie die gewünschten 10° nicht ganz schaffte, ohne dass wir den Autopiloten aktivieren mussten. Weniger angenehm war dabei die erhebliche Schräglage, die von den Wellen alle paar Sekunden spürbar gesteigert wurde. Sich an und unter Deck zu bewegen, verlangte deshalb absolute Vorsicht. Der Wachhabende band sich nachts mit seinem Lifebelt an. Vorsicht hatte oberste Priorität. An Kochen war in dieser Lage nicht zu denken. Die Konsequenz, kalte Kost während fünf Tagen (und Nächten). Selbst das Schlafen war ungemütlich, obwohl wir todmüde waren. Dazu legten wir uns mittschiffs auf Matratzen auf den Boden, so dass wir auf der Lee-Seite die Wand im Rücken hatten und sich die Bewegungen des Schiffs direkt auf uns übertrugen, ohne von weichen Bettmatratzen noch verstärkt zu werden, und ohne uns lästige Rutschpartien am Boden zu ersparen. Zudem war derjenige, der schlafen durfte im Fall der Fälle rascher an Deck, um dem Rudergänger beizustehen, als wenn er sich erst aus dem Bett hätte schälen müssen. Und ein solcher Hilferuf kam ab und an vor, z. B. wenn ein Schiff auf dem AIS auftauchte und sich uns auf Kollisionskurs näherte.

Nach nur drei Tagen hiess es: Land in Sicht. Wir hatten die Dominikanische Republik vor Augen, zwar noch weit entfernt im Dunst des Horizonts, aber immerhin. Jetzt hiess es, aufkreuzen oder direkt in den Wind fahren, um die fehlenden Meilen zum Eingang zur Mona-Passage zurückzulegen. Um diesen Weg möglichst rasch hinter uns zu bringen, entschieden wir uns für die zweite Variante und nahmen die eisernen Tücher, den Motor, zu Hilfe. Und dann passierte es, der sonst so treue Kollege versagte den Dienst. Weil es schon dunkel war, blieb uns nichts anderes übrig als mit der Fock mit raumem Wind gen Westen zu segeln, also in die entgegengesetzte Richtung. Am Morgen dann ging Jörg dem Grund des Versagens nach. Er war rasch gefunden, die Diesel-Vorfilter waren total verstopft, obwohl wir den Treibstoff in Bonaire mit einem chemischen Wundermittel gegen Bakterienwachstum behandelt hatten. Nach drei Tagen Berg-und-Talfahrt hatte sich der Sumpf im Dieseltank aufgemischt und Verunreinigungen hatten den Weg in den Motor gesucht. Die Vorfilter hielten zwar viel davon auf, machten nach und nach aber dicht. Auch die beiden noch folgenden Treibstofffilter durften noch einiges von der zähen Flüssigkeit aufgenommen haben und wurden später erneuert. Zum guten Glück war der Wind nicht mehr so stark und der Wellengang lies entsprechend nach, so dass Jörg die Filtergehäuse auswaschen und die Einsätze austauschen und den Motor damit wieder zum Leben erwecken konnte. Und nun? Kurs Nord zur vielleicht geschlossenen Marina oder Ost zur Mona-Passage? So schnell wollten wir nicht klein beigeben und entschieden uns für letzteres, wohlwissend, dass der Diesel im Tank noch nicht gereinigt worden war... Mit vollen Segeln und Motor nahmen wir die Passage in Angriff, Kurs Nord bei einem Ost-Wind von 20 kn und mehr. Zu Beginn ging alles gut, doch wir merkten, dass uns der Wind kontinuierlich zum Ufer auf Backbordseite drückte, denn wir kamen gegen die Strömung nur langsam vorwärts und wurden deshalb ständig versetzt. Also Segel runter, doch nachts bei nach wie vor starkem Wind, lässt sich das leichter sagen als realisieren. Aber auch das gelang und wir nahmen die verbleibenden Meilen mit Motor in Angriff. Und der schob uns weiter nach Norden. Doch kaum hatten wir den „Kanal“ (die Mona-Passage) hinter uns gelassen, blieb er erneut stehen. Wieder waren die Filter verstopft. Während Jörg diese einmal mehr ersetzte – wohlweislich hatten wir zehn solche Teile aus Europa mitgebracht – segelte Suzanne mit Genua und Besan und raumem Wind in Richtung Zielhafen. Der wieder funktionstüchtige Motor sollte für die Einfahrt in den Hafen „geschont“ werden. Auch dieser Entscheid wurde als es dunkel wurde, der Wind nachliess und die Marina-Büros geschlossen werden sollten, umgestossen. Nun noch eine Nacht vor dem Hafen vor Anker gehen oder noch eben in die sichere Marina einlaufen und – wenn auch am Tankstellensteg – festmachen? Also: Motor an und Segel runter. Als gutes Omen kamen uns ein paar Buckelwale entgegen. Gegen 20 Uhr fuhren wir tatsächlich durch den Hafeneingang, um die Tankstelle anzusteuern, als uns unsere Schweizer Nachbarn von Bonaire per Funk und mit Lichtsignalen erleichtert begrüssten. Sie waren kurz vor uns aufgebrochen und hatten dieselbe Route zurückgelegt – nur ohne technische Probleme. Wir hatten dadurch mehr als einen Tag verloren. Immerhin waren wir gesund am Ziel angekommen, wenn auch müde, hungrig und von ganz neuen Gedanken und Überlegungen in Beschlag genommen.

Am nächsten Morgen wechselten wir zum reservierten Platz und machten das übliche Anmeldeverfahren mit Immigration und Customs, diesmal auch mit Corona-Schnelltest durch. Danach durften und dürfen wir uns frei in der Marina und auf der Insel bewegen. Immerhin werden wir den ganzen Monat hier liegen. Was danach passiert, darüber berichten wir anfangs April.