April 2021

Alles hat ein Ende ...

Die WoC schaukelt ganz sanft in der Thompson Bay, einer Bucht von Long Island in den Bahamas. Werfen wir den Blick nach oben zur Spitze des Hauptmasts, wirft uns der runde Mond sein Licht entgegen und erweckt den Anschein, wir hätten zwei Toplichter gezündet. Natürlich ist das Licht des Erdtrabanten merklich grösser und heller als die LED auf unserer Mastspitze. Doch die Kombination dieser Lichter vor dunklem Himmel gibt’s nicht alle Tage. Sie beruhigt zudem, vor allem, weil sich das Licht auf dem Mast gegenüber dem Mond kaum bewegt. Eine Nacht zuvor hatten wir die Lage noch ganz anders erlebt. Der Mond stand ebenso ruhig am Himmel, aber die WoC liess sich von den Wellen in rhythmische Bewegung versetzen und damit auch das Licht auf dem Mast – und natürlich uns unten an Bord. 

Ein schöner Abschluss jedenfalls des heutigen Tages. Nachdem wir nach einer Nacht vor Anker im Nowhere der Bahamas - etwas präziser formuliert - in der Nähe der Nuevitas Rocks eine etwa 32 nm lange Strecke bei strahlender Sonne und freundlichen Winden durch kitschig glasklares türkisblaues Wasser halb Motor- halb Wind-unterstützt zurücklegen durften, haben wir den Anker samt Kette spätnachmittags einmal mehr auf den sandigen Boden fallen lassen. Doch halt, selbiger befand sich gerade mal 3 m unter dem Kiel unseres Schiffs. Meistens sind es sechs oder mehr. Sollte uns das erschrecken? Eher nicht, denn schliesslich hatten wir uns schon den ganzen Tag durch ähnlich „tiefe“ Gewässer bewegt. Die Bahamas bestehen nun mal aus 700 kleineren bis grösseren Inseln, 25 - 30 davon bewohnt, und die meisten liegen in absolut seichtem Wasser, dessen Grund aus weissem Sand bzw. Kalksand besteht. Die Kombination aus Sonnenlicht, klarem Wasser und Sand ist für die türkiesblaue Ausstrahlung des Wassers verantwortlich. Das haben wir an anderen Orten auch schon erlebt - aber noch nie auf so riesigen Flächen wie hier. Nachts gibt es beinahe täglich andere Szenarien zu bestaunen, Sonnenuntergänge über dem Wasser vor orangenem Himmel sind ebenso Beispiele dafür wie kurze, kräftige Regengüsse aus dunklen Wolken. Für uns sind es emotionale Höhepunkte unseres Törns, und wir freuen uns, diese Seite der Karibik kennengelernt zu haben.

Nicht nur wenn der Mond "ruhig über uns steht",...
... auch wenn der Autopilot das Kommando führt ...
... kann man die Zeit zur Erholung nutzen.
Sonnenuntergänge sind nie langweilig ...
... wir geniessen jeden.
Bei über uns hinwegziehenden Regenwolken, sog. Squalls, ist das anders, weil sie Böen und Regen mit
Klares türkisfarbiges Wasser, soweit das Auge reicht
Sogar die Ankerkette kann man verfolgen...
... bis sie sich nach ein paar Metern im Wasser verliert.
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Doch stopp! Halten wir unsere Betrachtungen mal an und werfen einen Blick zurück auf Anfang April, die Zeit, über die wir hier berichten… Schliesslich durften wir noch weitere, ebenfalls naturnahe Ankerplätze kennenlernen. Und wir haben angekündigt zu erzählen, wie wir Ostern in der Marina Bahia bei Samana erlebt haben. Das Hotel hatte – trotz weniger Gäste – kleinere Anlässe organisiert und an einem, dem Ostersonntag-Abend-Dinner, haben wir teilgenommen. Es gab keine Schokoladeosterhasen – viel zu warm – und kein Eiertütschen, dafür ein Büffet mit verschiedenen dominikanischen Spezialitäten, die wir uns gern einverleibten. Ein Paar auf Stelzen und ein Feuerschlucker sorgten für Unterhaltung (leider keine Fotos davon). 

Um uns den Bahamas schon ein Stückchen zu nähern, segelten wir nach den Oster-Tagen zur Marina Ocean World, die an der Nordküste der Insel ausserhalb Puerto Plata liegt. An zwei Tagen besichtigten wir unter kundiger Führung die Stadt und fuhren mit der von Italienern gebauten Luftseilbahn auf den Hausberg, den Pico Isabel de Torres. Die Altstadt von Puerto Plata besteht aus zum Teil sehr schön erhaltenen zweistöckigen Häusern aus der Kolonialzeit. Im Larimar-Museum bestaunten wir die hellblauen Steine, die nur in der Dominikanischen Republik vorkommen und im Zigarrren-Museum schauten wir zu, wie Zigarren von Hand gedreht werden. Auf dem Hausberg, ca. 800 m hoch, steht eine Miniausgabe der Christusstatue von Rio de Janeiro. Im botanischen Garten lernten wir einheimische Pflanzen kennen und erfuhren, wie die Ureinwohner der Dominikanischen Republik, die Taino-Arawak-Indianer, seinerzeit lebten.

Mit dem x-ten negativen PCR-Test-Ergebnis bewaffnet, konnten wir auf der der Dominikanischen Republik nächstgelegenen Bahamas-Insel Great Inagua einklarieren, und damit durften wir uns auf den Bahamas frei bewegen. Auf dem Weg zur – eingangs erwähnten – Thompson Bay befand sich unser erster Ankerplatz mitten im Atlantik auf dem Hogsty Reef. Ganz allein lagen wir im auch hier wieder flachen Wasser, die kaum aus dem Wasser ragenden Riffe waren mit blossem Auge kaum zu sehen. Eine Fahrt ohne exakte und verlässliche (digitale) Karte hätte rasch zu Bodenberührungen führen können. Wir haben uns diese Erfahrung erspart. Auf dem Weg dorthin durften wir die Stärken unseres Segelschiffs einmal mehr geniessen. Mehr oder weniger lautlos und ohne Motor seinem Ziel Meile um Meile näherkommen. Das gefällt auch anderen. Hatten wir früher schon einmal einer ermatteten Taube als Zwischenstation gedient, liessen sich dieses Mal gleich zwei Vögel auf unserem Grossmast nieder, einer davon auf dem Windanzeiger, mit dem es beliebte, Karussell zu fahren. Sie von ihrem Aussichtsturm zu verscheuchen, war alles andere als einfach. Doch irgendwann waren sie weg. Nach weiteren idyllischen - und zum Schwimmen einladenden - Ankerplätzen auf Great Exuma und Eleuthera sind wir schliesslich in Nassau, der Haupttadt der Bahamas eingelaufen, was bei uns zu einem veritablen Kulturschock führte. Einen Hafenplatz hatten wir vorher reserviert. Doch an die Betriebsamkeit auf und die Sardinen-artige Lagerung zwischen zum Teil lärmigen Booten mussten wir uns erst wieder gewöhnen. Irgendwie hatten wir da unterwegs etwas abgespült…

Nach ein paar Tagen Eingewöhnung in der Marina haben wir die Stadt - zuerst zu Fuss, dann per Bus und Taxi - besichtigt. Viel gibt es nicht. Die Altstadt mit renommierter Einkaufsstrasse und Regierungsgebäuden war per pedes zu erreichen. Doch trotz Banken- und Versicherungshochburg hat Nassau den Karibik-Charakter beibehalten. Das Preisniveau indessen ist rekordverdächtig. Nicht nur die Kosten für unseren Liegeplatz, sondern auch die für Lebensmittel oder Restaurantbesuche liessen uns Schweizern beinahe das Blut in den Adern stocken. Doch auch Nassau hat das Ausbleiben vieler Touristen aufgrund von anti-Corona-Massnahmen nicht verschont. Zahlreiche Geschäfte stehen leer...  

In diesem Büro wurde uns gegen Gebühr die Erlaubnis ausgehändigt, uns in den Bahamas einen Monat lan
Hogsby-Reef
Ruhiges Segeln...
... lädt zum Geniessen ...
... und zum Schwarzfahren ein.
Erste Zeichen von Nassau ...
... die Wahrzeichen, Hotels auf Paradies Island, sind über zwei Brücken zu erreichen.
Das Regierungsgebäude von Nassau. Im Vordergrund Königin Victoria
Das Sklavenmuseum in Nassau ...
... an der Einkaufsmeile ...
... und die Schweiz ist dabei
Nicht alle haben wegen Corona ihren Humor verloren.
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Auch wenn wir es schon durchblicken liessen, entschieden haben wir uns erst hier in Nassau, wohin uns die WoC nun führen soll. Den Pazifischen Ozean bis Australien zu besegeln, haben wir aufgegeben. Endlos lange Passagen, das haben wir gelernt, sind nicht unsere Passion. Unsere Idee war immer, vom Schiff aus fremde Gegenden kennenzulernen und nicht, möglichst (rasch) viele Seemeilen zu absolvieren. Die Etappen bis Australien sind nun mal sehr lang, zudem anspruchsvoll, und wegen Corona sind Landgänge nach wie vor unsicher. Was bleibt übrig? Wegen der Hurrikan Saison wieder nach Curaçao zurückkehren und 2022 eine weitere Karibiksaison anhängen (um dann vor derselben Frage zu stehen)? Zugegeben, es gibt hier noch viel zu ersegeln, doch wir haben die Karibik von verschiedenen Seiten erlebt. Ist zurück nach Europa eine Alternative? Wir sind überzeugt. Und genau das werden wir nun tun. Wir schliessen den Kreis und bringen unsern Törn zu einem Ende. Der Weg dorthin wird uns über die Bermudas und die Azoren führen und dann an die europäische Atlantikküste. Eine 2. Atlantiküberquerung also, nur dieses Mal zu zweit. Wir sind überzeugt, dass wir das packen. Wohin soll's dann genau gehen? Das wissen wir noch nicht. Wir liebäugeln mit Spanien, dann Frankreich und Holland. Aber das muss alles mit Wind und Wetter vereinbart werden. Wo unser „Endziel“ im August sein soll, planen wir noch. Sobald wir Genaueres wissen, lassen wir es euch wissen. Eile haben wir keine, wenn man davon absieht, dass hier und auch in den Bermudas im Juni die Hurrikan-Saison beginnt. Und mit einem solchen Schluss-Erlebnis möchten wir dann doch lieber nicht aufwarten.   

In diesem Sinne grüssen euch 

die 2 von der WoC (nochmals auf diesem Kanal)

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen.