100 Tage und mehr...
Leben an Bord

Wir  haben uns entschieden, von der bekannten und geliebten Umgebung in der Schweiz inkl. Einfamilienhaus mit genügend Wohnfläche und Umschwung Abschied zu nehmen, um unseren Senioren-Alltag – für ein paar Jahre – in unbekannten Ländern auf einem oft schwankenden Segelschiff mit gut zwölf Meter Länge und vier Meter Breite zu gestalten. Kann das gutgehen? 

Beschränkter Raum

Nach den ersten 100 Tagen müssen wir sagen, ja, es kann gutgehen. Warum auch nicht. Zwar sind die Ausmasse des Wohnraums vergleichsweise bescheiden, dafür ist der – immer wieder neue – „Umschwung“ umso weitläufiger, spannender und abwechslungsreicher. Diesen vorab aufgrund gründlicher Recherchen herauszufinden und dann auch anzusehen und kennenzulernen, ist unsere tägliche Herausforderung. Die vergleichsweise knapp bemessenen Räumlichkeiten bringen es wiederum mit sich, dass Ordnung und Sauberkeit an Bord einen hohen Stellenwert erfahren. Diese aufrechtzuhalten, setzt wiederum persönliche Disziplin und Engagement voraus. Eine Putzequipe hat beispielsweise keinen Platz an Bord.

Strukturen aufbauen

Vor der Pensionierung waren die Tagesabläufe durch diverse, meist fremdbestimmte Strukturen definiert. Ganz ohne Zeitvorgaben geht es auch auf dem Schiff nicht. Wer etwas erleben will, sollte sich nicht zu spät aus den Federn bewegen, denn wer nach einem Schlag einen freien Hafenplatz sucht, trifft – vor allem in der Saison – besser nicht zu spät dort ein: Wer zuerst kommt, malt zuerst, wer zu spät kommt, hat das Nachsehen. Die Konsequenz: immer wieder mal mit den Vögeln aufstehen, sich nach zügigem Abschluss aller nötigen Vorbereitungen pünktlich aus dem Hafen machen und Sorge tragen, dass die geplante und der dann auch zurückgelegte Route nicht zu arg voneinander abweichen. Dazu sind vor allem Wind, Wetter, Kurs und Technik konsequent im Auge zu behalten. 

Die Zeit

Segeln unterstützt den, der sich von beruflich bedingter oder initiierter Hektik freimachen, z.B. nicht immer am Handy hängen will. Genau das ist es, was wir suchen: Spontanität, aber auch Ruhe und Beschaulichkeit sollen unsern Alltag bestimmen. Das schliesst  nicht aus, dass gewisse Aufgaben und Abläufe rasch vonstattengehen sollten. Aber die lange Zeit auf dem Wasser offeriert uns (trotz aller Aufgaben) viel Zeit zum Lesen, Diskutieren, Planen oder Sinnieren – vor allem wenn der Autopilot das Ruder führt. Es gibt allerdings auch Tätigkeiten, die wir lieber ausführen, wenn das Schiff  im Hafen vertäut ist. Dazu gehören u.a. die Vorbereitung der Website, das Schreiben von Mails sowie das Telefonieren mit Freunden.   

Gern suchen wir nach dem Einlaufen in fremden Häfen ein landestypisches Lokal auf, um Durst und Hunger zu stillen und den letzten Schlag zu besprechen. In der Regel nehmen wir unsere Mahlzeiten aber auf dem Schiff ein – unserem Zuhause. Das setzt voraus, dass der Kühlschrank und die Vorratskästen stets – frisch – gefüllt sind. Doch nicht jeder kleine Hafen bietet einen Supermarkt in der Nähe, den wir eigentlich gar nicht suchen. Manchmal muss ein geeignetes Geschäft oder der Markt erst ausfindig gemacht werden. Hinzu kommt die Auswahl der gewünschten Produkte, die häufig nicht mit Etiketten in verständlichen Sprachen gekennzeichnet sind. Das alles nimmt deutlich mehr Zeit in Anspruch, als wir früher in der Alltagsumgebung dafür aufwenden mussten.

Die Verantwortlichkeiten

Jeder von uns beiden sollte alle Aktionen beherrschen, die zum Segeln gehören, um im Notfall das Schiff im Alleingang zum nächsten Hafen manövrieren zu können. So hatten wir es uns vorgestellt und vorgenommen. Im Alltag hat sich indessen rasch eine Zuordnung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten entsprechend unserer jeweiligen Vorlieben oder Stärken eingespielt, wobei viele Abläufe Hand in Hand vonstatten gehen. Bislang sind wir gut damit gefahren, und wir hoffen natürlich, dass es dabei bleibt. 

Zwischenmenschlicher Umgang

Wer zu zweit auf wenigen Quadratmetern lebt und dabei auch noch Stresssituationen zu bewältigen hat, sollte dem gegenseitigen Umgang in Taten, Worten – inkl. Tonalität  derselben – besondere Bedeutung beimessen. Jeder hat seine Marotten und seinen Charakter. Doch an Bord ist es nicht möglich, sich aus dem Weg zu gehen, um eine gedrückte Stimmung nach Meinungsverschiedenheiten langsam abflauen zu lassen.

Wir haben unser Zusammenleben bisher gut gemeistert, auch weil wir uns schon vor unserem Segelabenteuer miteinander auseinandergesetzt haben, uns gegenseitig achten, nicht alles auf die Goldwaage legen, vor allem nicht nachtragend sind und immer wieder gemeinsam lachen können.

Freiräume

Selbstdisziplin ist gefragt. Freiräume für den einzelnen sind sicher wichtig, um lange Zeit miteinander auf engem Raum zu leben. Aber die gegenseitige Absprache derselben dürfte nicht ganz einfach sein, denn die Umstände an Bord geben enge Grenzen vor. Egoismen haben keinen Platz an Bord, denn sonst nimmt das Experiment rascher als gewollt ein Ende.   

Blick nach vorn

Wenn wir uns nicht gerade mit der Gegenwart beschäftigen (was täglich viel Zeit beansprucht), machen wir uns über die Zukunft Gedanken. Doch auch das Erlebte, sprich Vergangene, wird diskutiert und (nicht nur für die Website) in Bild und Wort verarbeitet. Da wir häufig unbekanntes Terrain betreten, bereiten wir uns vorher nach Möglichkeit darauf vor. Neben (gedruckten wie digitalen) Karten und Küstenhandbüchern nutzen wir Reise-Handbücher und Websites als Informationsquellen, um unsere Etappen vorzubereiten. Gern nehmen wir Tipps von anderen – meist Seglern und Hafenmeistern – entgegen, mit denen wir immer häufig ins Gespräch kommen. So mündet unsere Vorbereitung in eine rollende Planung, die eigentlich erst abgeschlossen ist, wenn die gewünschte Destination erreicht ist...

Technik

Ein Segelschiff wie die Wind of Change ist eine Sammlung technischer Komponenten. Trotz Grossreinemachen vor dem Start kommt es immer wieder vor, dass etwas kaputt geht oder nicht so funktioniert, wie es sollte. In grösseren Häfen lässt sich meist ein Experte finden, der hilft. Auf dem Wasser ist man da auf sich gestellt und sollte in der Lage sein, den Schaden zu beheben. Das kann ein defekter Keilriemen sein, der zu ersetzen ist, oder ein verstopfter Dieselfilter oder die verbogene Fassung einer Birne der Navigationsbeleuchtung und vieles, vieles mehr. Ersetzt werden kann nur, was neu als Ersatzteil an Bord ist. Das geeignete Werkzeug braucht es ebenfalls und oft die Fähigkeit und den Willen, gewisse Arbeiten im engen und warmen Motorraum des schwankenden Schiffs zu erledigen. Die Erinnerung an den früheren Arbeitsplatz am Schreibtisch hilft da nicht weiter. Um solche Arbeiten zu verhindern, heisst die Devise, regelmässig kontrollieren, ob Füllstände von Flüssigkeiten, die Spannung der Keilriemen stimmen oder verändert werden sollten. Festmachertaue werden immer wieder durch Reibung an Kanten oder (zu) dünnen Ringen beschädigt. Auch hier gilt es: Augen auf. Und Ohren spitzen heisst es, wenn ungewohnte Laute zu vernehmen sind. Dann geht es darum, de Ursache zu finden, bevor etwas aus dem Ruder läuft... 

Auch wer segelt, braucht einen funktionsfähigen Motor, denn ohne diesen ist die Einfahrt in einen Hafen oder durch eine mit Bojen markierte Rinne nicht möglich. Jedenfalls nicht mit der WoC. Wir sind sozusagen abhängig von der vielfältigen technischen Einrichtung, haben – nach anfänglichen Problemen – inzwischen aber auch gelernt, Vertrauen in die Technik zu haben, zumal wir regelmässig kontrollieren. Wäre das Vertrauen nicht gegeben, könnten wir wohl nicht mehr ruhig schlafen. Doch davon kann nicht die Rede sein.   

Das Wetter

Wichtigster Einfluss- und Bestimmungsfaktor unseres Terminplans ist das Wetter. –Segelwettervorhersagen jederzeit und für jeden Ort via Internet zu beziehen.  Da wir keine terminlichen Verpflichtungen haben, zwingt uns niemand, einen sicheren Hafen bei regnerischem, kalten oder stürmischen Verhältnisse zu verlassen. Werden wir davon unterwegs überrascht, unterstützt uns die grosse Stabilität der WoC, damit fertig zu werden. Aber wir suchen diese Herausforderung nicht explizit.