Juni 2021

Und plötzlich wurde alles dunkel

Darauf hatten wir lange gewartet. Doch am Samstag, 5. Juni, konnten wir die ersehnte neue Wante (eines der Stahlseile, welche den Mast halten) beim Rigger abholen. Sofort liess sich Suzanne (von wem wohl?) den Mast hochziehen und montierte sie, so dass wir uns anschliessend auf den Bermudas abmelden, am Nachmittag Wasser und Diesel bunkern und lossegeln konnten. Bevor wir aufbrachen, vereinbarten wir spontan mit einem französischen Ehepaar mit zwei kleinen Kindern, das ebenfalls zu den Azoren wollte, dass wir uns per Satellitentelefon regelmässig austauschen. Weil die Wettervorhersage im Süden ein Flautegebiet angekündigt hatte, segelten wir die ersten Tage gegen Nordosten, weil wir dort von Westwinden und dem Golfstrom profitieren wollten. Mit der Satellitenverbindung, dem Iridium-Telefon, konnten wir nach Bedarf die aktuellen Wetterdaten herunterladen. So erfuhren wir, dass bereits am vierten Tag von Norden her ein Tief im Anzug war, das Sturm bringen sollte. Um diesem nach Möglichkeit auszuweichen, änderten wir den Kurs wieder auf Südosten. Doch nach ein paar Stunden spielte unser Autopilot verrückt. Er steuerte die WoC nicht mehr in die von uns vorgegebene Richtung, sondern verordnete ihr Ballettstunden. Jörg konnte sich erinnern, gelesen zu haben, dass es – an einem andern Ort im Atlantik -  eine Magnetanomalie gibt. Wir schlossen daraus, dass dies nicht der einzige Ort ist und wir auf eine weitere Anomalie gestossen waren. Es blieb uns, weil schon Abend war und wir uns nicht mehr orientieren konnten, nichts anderes übrig, als uns bei schwachem Wind treiben zu lassen: Segel dicht nehmen, Augen zu. Am nächsten Morgen haben wir - die Sturmwarnung vor Augen - die Segel vorsichtshalber gerefft und die Sturmfock gesetzt, um für die angekündigten Sturmausläufer gerüstet zu sein. Noch hatten wir den ganzen Tag und die Nacht günstigen Wind, erst am nächsten Morgen gab sich das Unwetter mit 30 bis 40 kn Wind und mächtigen Wellen zu erkennen. Die WoC erreichte trotz allem traumhafte Geschwindigkeiten von bis zu 10 kn. Lange hielten die indessen nicht an: Denn im Laufe des Tages legte sich der Sturm wieder, immerhin ohne sichtbaren Schaden angerichtet zu haben. Erst als wir am Abend den Generator starten und Strom für den Autopiloten produzieren wollten, merkten wir, dass etwas nicht stimmte. Das "intelligente" Gerät (Switch), das den Strom von den verschiedenen Lieferanten an die Batterien weitergibt, wollte seine Aufgabe nicht erfüllen. Der Generator lief, ohne dass der Strom an die Batterien weitergegeben wurde. Auf der Suche nach der Ursache stellte Jörg fest, dass es in der Umgebung des "Switch" sehr feucht bis nass war. Zu reparieren gab es für uns allerdings nichts. Doch die Konsequenzen lagen auf der Hand: um Strom zu sparen, mussten wir ab sofort tagsüber per Hand steuern und während der Nacht mit Unterstützung des Motors den Autopiloten einsetzten. Das ging zwei Tage problemlos. Doch am Abend des 3. Tages (bzw. des 10. Tages des gesamten Törns) – nach etwa 1300 zurückgelegten Seemeilen – versagten plötzlich sämtliche Navigationssysteme. Dies war ein Schock für uns, weil wir nicht wussten, ob wir es mit den verbleibenden Instrumenten, dem Verklicker (Windanzeiger auf dem Grossmast), dem (analogen) Kompass sowie der Karte mit unserer GPS-Schiffsposition auf dem iPad, bis zu den Azoren schaffen würden.

Szenenwechsel: Inzwischen ist Samstag, 19. Juni 2021, kurz vor 4 Uhr in der Früh. Die WoC dümpelt auf einer tiefgrauen beinahe spiegelglatten Wasserfläche, über sich eine ebenso graue, nur grob strukturierte Wolkendecke. Geschätzte Windstärke 2. Die noch immer mitgeführte Gastlandflagge Bermudas hat Mühe, unter der Steuerbord-Saling im Lüftchen zu stehen. Nur selten schlagen die Segel und verlangen Wind. So ist die WoC nicht steuerbar und dümpelt - einmal mehr -  auf der Stelle. Suzanne hatte die erste Wache (21.00 bis 02.00 Uhr) bei noch leichtem Wind übernommen, danach nun Flaute. Allerdings sollte sich das gemäss Wettervorhersage ja bald ändern. Leichter Regen war angekündigt mit Wind aus 100 Grad, also Osten, leider aus der Richtung, in die wir fahren wollten. Vorerst herrschte jedoch zwei Tage und Nächte totale Flaute und wir hatten uns mit Motor in Richtung Insel bewegt. Als dann endlich wieder so viel Wind einsetzte, dass sich unser Windgenerator zu arbeiten entschloss, haben wir sofort entschieden zu segeln, auch um Diesel zu sparen. Doch zum Aufkreuzen gab es keine Alternative. Zum guten Glück haben wir ein dankbares Schiff, das zwischen Windeinfall von 60 bis 120 Grad mit der richtigen Segel- und Rudereinstellung fast von alleine den Kurs hält. Dies ist während der Nacht sehr wichtig, weil wir in der aktuellen Lage eine Taschenlampe benötigen, um den Kompasskurs ablesen und die Windrichtung am Verklicker erkennen zu können.

 

Dass sich die Pannen in der aktuellen Wetterlage auf das Gemüt der beiden Segler auswirkt, ist verständlich. Doch wie unterschiedlich das sein kann, ist frappant. Während Suzanne eher die bedrohenden Aspekte ins Zentrum ihrer Gedanken stellt, technische Fehler beheben will und sich immer wieder fragt, womit sie bzw. wir das verdient hätten, lässt sich Jörg nicht so rasch aus der Ruhe bringen, ist eher skeptisch bezüglich seines elektrotechnischen Reparaturpotenzials und zuversichtlich, das Ziel mit gemeinsamem Segel-Know-how und Ruhe zu erreichen. Nur nicht verrückt oder mutlos werden! Es geht auch anders. Lieber in Ruhe frühstücken, dann die Angel auswerfen und eine leckere goldgrüne Dorade an Bord bugsieren. Auf die Idee, die Plastikteile, denen wir begegnet sind, zu zählen, ist niemand gekommen. Wahrscheinlich hätte das unsere mathematische Kompetenz ohnehin überfordert...

Freitag, 25.  Juni 2021 – 02.30 Uhr. Jörgs Notizen während seiner Wache: Ein Segelerlebnis der besonderen Art (so sehen wir es heute), da von den gut 800 noch knapp 300 sm bis Faial vor uns liegen. Inzwischen sind wir schon 20 Tage unterwegs und noch ist kein sicherer Hafen in Sichtweite. Unsere französischen Kollegen sind bereits am Ziel angekommen. Dennoch kommt eine Nacht wie die jetzige gelegen, sich Gedanken darüber zu machen, wie „romantisch“ Segeln auch sein kann. Wenn wir unser Ziel erreicht haben,  werden wir erleichtert, aber auch ein wenig stolz sein, dass wir dieses Abenteuer zur See zu zweit bestanden haben. Es rundet unsere Erfahrungen der letzten Jahre ab. Wir werden diese Tage jedenfalls nie vergessen. Es ist Vollmond. Zwischen am Himmel verteilten Wolkenfetzen strahlt der Mond wie ein Scheinwerfer auf die unter ihm vorbeiziehende Zuckerwatte sowie auf das leicht wabernde Meer, auf dem es eine silbern glänzende Bahn hinterlässt, die bis zum Schiff reicht, während die Wind of Change bei halbem Wind mit vier bis fünf Knoten gen Osten zieht. Eine wunderschöne Nacht zum Segeln. Inzwischen ja, aber vor ein paar Stunden hatte es ganz anders begonnen. Da war der Himmel noch mit drohenden Wolken verhangen. An mehreren Orten rund um das Schiff - allerdings in gehörigem Abstand – sahen wir genau, wo sich der Regen aus den Wolkentürmen ins Meer ergoss. Wir hatten Glück, die WoC fand ihren Weg unter den Wolken hindurch, nur etwas Nieselregen sorgte ab und an dafür, dass wir beiden Segler an Deck nicht ganz trocken davonkamen. Vermochte der säuselnde Wind am Nachmittag und frühen Abend des Vortags das Schiff nur knapp in Fahrt zu bringen, so legte er mit der Grösse der Wolken merklich zu, ohne zum Sturm auszuarten. Suzannes Wache(zeit) (21.00 bis 02.00 Uhr) war durch verschieden starke Windphasen geprägt, geregnet hatte es nie, wie sie erzählte. Nun, da ich an der Reihe war (02.00 bis 08.00 Uhr) hatte sich die Bewölkung, wie gesagt, deutlich gelockert, nur knapp die Hälfte des Himmels war bedeckt, der grössere Teil war klar, Sterne waren aber keine zu sehen. Der Wind wehte nur schwach. 

 

Eine dritte Pechsträhne erlebten wir etwa 160 Seemeilen vor Horta. Die letzten Seemeilen wollten wir infolge Flaute mit dem Motor zurücklegen, Diesel hatten wir zur genüge gespart. Doch nach einem halben Tag gab der Motor infolge aufgewühltem schmutzigen Diesels den Geist auf. Es blieb uns nichts anderes übrig als zu warten bis wieder Nord-, später Südwestwind aufkam und wir unsere letzten Seemeilen Richtung Azoren in Angriff nehmen konnten. Doch auch das haben wir geschafft. 

Inzwischen liegen wir seit ein paar Tagen in Horta im Päckchen mit einem holländischen Paar am Steg. Die beiden sind gut zehn Jahre älter als wir und waren vor ihrer Ankunft, aus den USA kommend, zwei Monate ohne Unterbrechung an Bord. Worüber sollen wir „Jungster“ uns da beschweren? Wir wurden mit einem Zodiac die letzte Meile in den Hafen geschleppt; zugegeben, die Strecke, bis wir abgeholt wurden, zog sich unendlich in die Länge und war schwierig zu segeln. Zum Glück konnte die Absprache mit dem Hafenmeister bereits - als wir die in dichtem Dunst liegenden Inseln noch kaum wahrgenommen hatten - über Handy erfolgen. Inzwischen wissen wir, wer und was alles wegen unserer Situation diskutiert und erwägt worden war. Wir danken allen, die in die Kommunikation und Vorbereitung eines allfälligen Rettungsmanövers auf See involviert waren. Ob hier in Horta, in Delgado, Bremen, auf der französischen Yacht oder in Tecklenburg, die Hilfsbereitschaft war gross (die Sorge wohl auch). Zu einer  solchen Aktion ist es zum Glück nicht gekommen. In akuter Lebensgefahr waren wir nie.  

Unsere technischen Probleme sind noch nicht restlos behoben, aber die zuständigen Experten haben bereits Hand angelegt und erste Massnahmen getroffen. Nur der Tag, an dem wir uns auf die Weiterfahrt nach A Coruña machen können, steht noch in den Sternen und damit auch unsere Ankunft in Amsterdam - sowie die Teilnahme am Geschwistertreffen 2021.