Oktober 2021

Ende gut - alles gut? 

Nach der Erfahrung, die wir während des Törns von A Coruña nach Brest gemacht hatten, waren wir uns sicher, die Nachtwachen bei den inzwischen tiefen Herbst-Temperaturen und risikobehafteten Wetterunsicherheiten nicht zu zweit bewältigen zu wollen. Wir wollten zum Schluss kein Risiko eingehen. Es blieben zwei Lösungen: Entweder wir liessen die WoC über den Landweg nach Lelystad bringen oder wir mussten mindestens einen, besser zwei erfahrene Segler finden, die uns begleiteten. Beides klärten wir ab, beides war grundsätzlich möglich. Unser Entscheid war – nicht nur aus Kostengründen – rasch gefasst. Fahnenflucht, denn so wäre es uns vorgekommen, kam nicht in Frage. Also entschieden wir uns, unseren Flevo-Klipper auf dem Seeweg in die Flevo Marina nach Lelystad zu bringen. «Käpt’n Sid», ein guter Freund aus Schweizer Zeiten, heute Segelschulinhaber und -betreiber in Norderney, versprach zu kommen. Zusammen mit zwei Seglerkollegen, Peter und Arto, wollte er uns über die letzten Hürden helfen. Allerdings konnten sie erst Mitte Oktober anreisen. Die zwei Wochen bis dahin verbrachten wir mit der Besichtigung von Brest und – mit einem gemieteten Auto – der Bretagne, die uns mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten empfing. 

Wir schrieben den 15. Oktober, als wir uns zusammen mit den drei Gladiatoren auf den Weg machten. Weil sich gerade eine sturmfreie Wetterphase angekündigt hatte, waren alle guten Mutes, Amsterdam in ein paar Tagen zu erreichen. Bedingung war eine Durchschnittsgeschwindigkeit von fünf Meilen pro Stunde, da sich im Osten Englands schon wieder ein Tief ankündigte, das sich anschickte, uns die letzten Meilen vor der Einfahrt nach Amsterdam noch zu vermiesen. Um das Risiko zu reduzieren, fackelten wir nicht lange und legten nur einen Tag nach der Ankunft der drei Mitsegler in der Morgendämmerung ab. Damit wollen wir auch sicherstellen, die wechselnden und immer wieder kräftigen Strömungen rund um die Bretagne für uns zu nutzen. Das funktionierte dann auch ganz ordentlich und wir machten anfangs gute Fahrt, bis uns der Wind bereits am zweiten Tag verliess. Zum Glück hatten wir immer noch unseren DAF-Diesel „im Keller“. Die Stimmung an Bord war die ganze Zeit über locker. Peter hatte seine Gitarre mitgebracht und griff hier und da in die Saiten. Suzanne hatte ihre Nacht- und sonstige Wachen gegen das Versprechen eingetauscht, die Mannschaft mit Lab und Trank bei Laune zu halten. Und so kamen wir dem Ziel plangemäss näher, zumal der wieder erwachte Wind uns erlaubte, unter vollen Tüchern den Kanal entlangzusegeln.  

Es hat zum Schluss so richtig Spass gemacht, und so fiel es uns etwas leichter, sich von unserem Abenteuer im Kopf schon mal zu verabschieden. Natürlich kam da auch die Frage auf, ob wir die Herausforderungen der letzten vier Jahre leichter gemeistert hätten, wären wir nicht nur zu zweit, sondern zu viert gewesen. Doch jede Antwort auf diese Frage ist hypothetisch.

Erleichtert und glücklich in Lelystad angekommen, wussten wir doch, dass uns der Abschied von der WoC bevorstand. Es blieb uns, sie auszuräumen und für den Aufenthalt auf dem Land vorzubereiten. Immer wenn der Kran das Schiff aus dem Wasser hievt, werden die Zeugen der vergangenen Monate sichtbar. Auch bei der WoC. Doch da sie den letzten Antifouling-Anstrich erst vor elf Monaten in Curaçao erhalten hatte, hielten sich die Spuren in Grenzen. Auch der Propeller war weniger mit Muscheln bedeckt, als wir befürchtet hatten. Das konnte man sehen, als sie in den Gurten hing. Mit einem Hochdruckreiniger wurden die grössten Algenflecken beseitigt, dann ging es schnell: rauf auf den Bock, mit dem Tieflader drunter und ab ging die Reise zum Trockenplatz der Marina. Und wir? Wir guckten hinterher, sofern die Tränen in den Augen das erlaubten. 

Damit ist das  Kapitel WoC für uns Vergangenheit, neue Ziele werden unsere Aufmerksamkeit und Anwesenheit brauchen. Doch die Erinnerung an die Zeit auf und mit der Wind of Change wird nie verblassen. Dazu haben wir viel zur viele nette Menschen getroffen, viel zu viele interessante Landstriche kennengelernt und viel zu viele Abenteuer – vor allem auf dem Wasser – überstanden. Kommt hinzu, dass die WoC noch keinen neuen Eigner gefunden hat. Vorerst tragen wir noch die volle Verantwortung für sie und all die Reparaturen, die noch anstehen… Von wegen Ende gut – alles gut, davon kann im Augenblick noch keine Rede sein.

Für diese Website indessen ist das Ende gekommen. Nur der Kommunikationskanal bleibt vorerst noch offen, auch wenn keine weiteren Sites mehr folgen. Wir haben erfahren dürfen, dass wir den Auftritt nicht nur für uns selbst gemacht haben. Über die Zuschriften und Kommentare haben wir uns jeweils gefreut. Nun müssen andere Kanäle aktiviert werden. Doch da stehen uns bekanntlich viele offen: Telefon, Mail, Brief und natürlich der persönliche Besuch. Wir werden sie nutzen.  

 

Da wir inzwischen den 3. Advent überschritten haben, möchten wir euch von dieser Stelle aus noch besinnliche und hoffentlich Corona-freie Feiertage und einen guten Start ins Jahr 2022 wünschen.  

In diesem Sinn und zum letzten Mal grüssen euch

 

die zwei von der WoC 

Suzanne & Jörg