Juli - Sept. 2021

Ein Sturm kommt selten allein...

Das Geschwistertreffen 2021 ist längst vorüber, und wir waren dabei und haben das Zusammensein mit den Familienmitgliedern so richtig genossen. In dieser Zeit erhielt die Wind of Change in Horta auf den Azoren einen neuen Autopiloten und korrodierte Kontakte wurden erneuert. Eine zeitraubende Arbeit. Wir nutzten die Zeit vor dem Familientreff für Wanderungen und Exkursionen, so auch auf den Caldero, den Hauptvulkan der Insel. Heute, am 2. Oktober, sitzen wir in Brest in unserer WoC, die wir am Morgen mal wieder beheizt haben, und warten, dass sich der Sturm um uns herum legen wird. Das Barometer ist unter 1000 HP gesunken, bis zu 52 kn Wind sind angesagt. Das ist nicht einmal im Hafen gemütlich! Bis zum Abend kann das – so die Wettervorhersage – dauern. Nun ja, wir sitzen ohnehin fest, denn die noch verbleibende allerletzte Etappe von Brest nach Lelystad nahe Amsterdam bleibt noch zurückzulegen. Doch dazu brauchen wir Unterstützung, denn die Nächte sind mittlerweile so kühl, die Sturm- und Starkwind-Risiken so gross, dass wir bis Mitte Monat hier abwarten werden, bevor die neue Unterstützung an Bord ist und wir – den richtigen Wind vorausgesetzt – die Kanaldurchfahrt starten können. Das war alles ganz anders geplant… 

Schon den Start zum Törn von den Azoren nach Holland – ursprünglich nonstop bis Amsterdam gedacht – mussten wir mehrmals hinausschieben, weil uns die Grosswetterlage keine andere Chance liess. Und als wir dann endlich ein mehrtägiges günstiges Wetterszenario erwarten durften und lossegelten, erwies sich diese Prognose schon in den ersten zwei Tagen als völlig verfehlt. Allein die angesagte Windrichtung stimmte, Windstärke und Wellenhöhe fielen indes deutlich höher aus. Nicht nur wir zwei von der WoC, auch Jean Pierre, ein erfahrener Regattasegler, der uns nach Holland begleiten sollte, wurden von der Seekrankheit befallen wie Greenhorns. Erst nach zwei Tagen entspannte sich die Lage zusehends und so durften wir ein paar Tage schönes Herbstwetter an Bord geniessen, bis sich die Lage einmal mehr zu ändern drohte und wir uns gezwungen sahen, den Kurs von Nordost auf Ost, von Amsterdam auf A Coruña zu ändern. Dort angekommen, verliess uns unser Begleiter und wir zwei nahmen nach ein paar erholsamen Tagen in der galizischen Metropole die Überfahrt über die Biskaya allein in Angriff. Zweimal hatten wir das zuvor schon erfolgreich gemeistert. Warum nicht ein drittes Mal? Die ersten Tage dieses Törns durften wir das Segeln tatsächlich richtig geniessen. Alles stimmte, und wir näherten uns dem Ziel mit grossen Etmalen. Aber auch diese Glückssträhne sollte nicht lange anhalten, am Abend des zweiten Tages wurde der Wind zunehmend stärker. 

Wir wussten gemäss Wettervorhersage, dass ein Sturm von Westen drohte. Dieser war jedoch viel westlicher prognostiziert, sonst hätten wir es nicht gewagt, A Coruña zu verlassen. Von Südwesten kamen Winde von bis 35 kn auf, denen wir mit einem abermaligen Kurswechsel auf Ost – mit Ziel Brest statt Amsterdam – zu entkommen suchten. Doch da kamen wir zu spät. Der Sturm mit bis 45 kn Stärke, der sich genau dort, wo wir unterwegs waren, durch einen abrupten Richtungswechsel auszeichnete, erwischte uns tief in der Nacht mit voller Kraft. Dabei brach der Bullenständer, dessen Aufgabe es ist, das Grosssegel auf seiner Position zu fixieren, weil das gereffte Grosssegel von Steuerbord auf Backbord und wieder zurück schlug (man nennt das Patenthalse) und gleich noch den Traveler demolierte. Jetzt hing das Gross nur noch am Fall, einen neuen Bullenständer anzubringen, war bei Winden von deutlich über 40 kn und den dazu gehörigen Wellen nicht möglich. Genauso unmöglich war es, das Grosssegel am Mast herunterzuziehen, dazu hätten wir (mit Motor) in den Wind abdrehen müssen. Anschliessend hätte sich Jörg nach vorn zum Mast hangeln und das Tuch dort auf dem immer wieder von Wasser überschütteten Bug herabziehen müssen. Selbst wenn er dabei mit dem Lifebelt angebunden ist, ein unmögliches Unterfangen. Die Rollfock hatten wir ganz eingezogen, und Suzanne schaffte es sogar, den gerefften Besan runterzuziehen. So segelten wir mit raumem Starkwind, der das verbleibende Gross gegen die Steuerbordsaling und die Wante drückte mit guter Fahrt gen Nordwest weiter. Kurs Ost wäre besser gewesen, aber eine Halse unter den gegebenen Bedingungen? Kein Thema! Zum Glück liess dieser Sturm rasch nach, auch wenn die Winde erst allmählich auf 30, später gar auf 17 kn zurückgingen. Nach trotz allem nur drei Tagen fuhren wir frühmorgens in den Vorhafen von Brest, dann an den Besuchersteg in der Marina du Chateau. Nichts deutete damals darauf hin, dass es gerade noch richtig gestürmt hatte... Da liegen wir heute (02.10.21) immer noch und hoffen, dass sich das neuerliche Tief auch wieder auffüllt und beruhigt. So der so werden wir aller Voraussicht nach – wie eingangs erwähnt – nicht vor Mitte Monat hier wegkommen. Aber was heisst das schon. Wer mit dem Segelschiff unterwegs ist, braucht immer wieder Zeit. Und noch gehören wir ja zu den Privilegierten, die sich das leisten können oder wollen. Immerhin haben wir so mehr Zeit, uns auf das Leben an Land zu freuen. 

Schon bald soll es so weit sein…     

An dieser Stelle werden wir uns noch einmal melden. Der Zeitpunkt ist noch nicht definiert. Wir geben Bescheid, wenn unser Törn wirklich zu Ende ist. Wir danken allen Lesern für ihr Interesse und hoffen, dass sie sich nicht gelangweilt haben, wenn sie uns gefolgt sind. 

Herzlich grüssen die 2 von der WoC - Suzanne und Jörg